»Dante ist uns fern gerückt« oder Warum es sich (wieder) lohnt, Die Göttliche Komödie zu lesen!

Der italienische Dichter Dante Alighieri (1265-1321) gehört unbestreitbar zu den Großen der Weltliteratur. Seine La Divina Comedia, den meisten in unserem Sprachraum bekannt als Die Göttliche Komödie[1], gilt als Meisterwerk der italienischen Dichtkunst und prägte maßgeblich die Entwicklung der italienischen Sprache. Die darin geschilderte Jenseitsreise Dantes, der in Begleitung des antiken römischen Dichters Vergil das Inferno, das Purgatorio und schließlich mit seiner großen Liebe Beatrice das Paradiso durchwandert, ist zumindest vom Namen her den meisten Menschen ein Begriff.

Nach mehr 700 Jahren ist die Göttliche Komödie nach wie vor Bestandteil des klassischen Bildungskanons, erlebt immer wieder neue Auflagen und ist über die Jahrhunderte in vielfältiger Weise künstlerisch verarbeitet worden. Ganze Forschungszweige haben sich seit dem 19. Jahrhundert unter dem Begriff „Danteforschung“ zusammengeschlossen und durchleuchten das Werk des großen Autors aus verschiedenen Blickwinkeln der Geistes- und Naturwissenschaft. Es verwundert ebenso wenig, dass das zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen steckende Medium Film die Göttliche Komödie schnell für sich entdeckte. Bereits in den Jahren von 1909 bis 1911 hielt der Stoff als dreiteilige Stummfilmproduktion Einzug in die italienischen Kinos. Musik und Theater lassen sich von der Höllenreise Dantes inspirieren, und schier unüberschaubar ist die Anzahl an Belletristik und Fachliteratur zu diesem Thema. Dantes großes Werk hat also den Punkt erreicht, an dem es zum einen Bestandteil einer bildungsbürgerlichen Wissenslandschaft gehört und gleichzeitig ein breites Publikum unterhält. Für die einen ein geniales Beispiel der Dichtkunst, für die anderen ein noch frisches Unbekanntes, das medial und kommerziell erschlossen werden kann. „Der Elite ist die Komödie heilig, der Populärkultur ein Jungbrunnen“[2], fasst die Romanistin und Danteforscherin Franziska Meier diese Entwicklung treffend zusammen.

Aber auch die populären Unterhaltungsmedien haben den Dichter wieder für sich entdeckt: So verarbeitete die auf dem Videospiel Dantes Inferno basierende Animeserie Dantes Inferno: An Animated Epic (2010) die Höllenfahrt des gebrechlichen Dichters als actionreiche Abenteuerreise eines muskelbepackten Kreuzritters. Solch ein digitales Gemetzel mag aus der Perspektive des klassisch gebildeten Dantelesers dem Dichter zu zweifelhafter Bekanntheit bei der jüngeren Generation verholfen haben.

Aber ist Dantes Einfluss in unserem heutigen Alltag überhaupt noch spürbar? Die Gegenwart kennt keinen Mangel an infernalischen medialen Eindrücken, und die berühmte Inschrift über dem Höllentor: „Die ihr hereinkommt: Laßt alle Hoffnung fahren“ (Inferno, 3), könnte wahrscheinlich auch den Eingang manch einer deutschen Behörde zieren.  So bekannt die Höllentorinschrift auch sein mag, sie bleibt doch die im Alltag einzig wirklich verbreitete Anspielung auf den Autor. Schulen und Universitäten schenken Dante im Lehrbetrieb wenig Aufmerksamkeit, und weder an deutschen Theaterhäusern noch in der Filmbranche gibt es aktuelle Bestrebungen, Dantes Werk auf die Bühnen bzw. die Leinwand zu bringen. Auch im Bereich der Unterhaltungsliteratur ist es zurzeit schlecht um Dante bestellt, wenn auch der Erfolgsautor Dan Brown mit seinem Thriller Inferno (2013) kurzfristig Dante in den Fokus der breiten Leserschaft rückte. Behält der Danteforscher Kurt Flasch also recht, wenn er im Nachwort seiner Übersetzung der Göttlichen Komödie feststellt: „Dante ist uns fern gerückt.“[3]? Bertolt Brecht behauptete von Dante, er sei nur durch das Inferno ein Klassiker[4]. Das mag stimmen. Das Inferno gehört wahrscheinlich zu dem am meisten gelesenen Teil der Göttlichen Komödie, und kein anderer Klassiker kann für sich beanspruchen, das am häufigsten abgebrochene Werk der Weltliteratur zu sein. Ein vielleicht einzigartiges Schicksal. Wie kommt es dazu, dass der interessierte Leser, angelockt vom Versprechen des Unbekannten, Dante nach gut hundert Seiten Text vielleicht gelangweilt, vielleicht überfordert, in jedem Falle sichtlich unbefriedigt beiseitelegt? Ist es wirklich so herausfordernd, sich an den Schreib- und Sprachstil dieses Werks zu gewöhnen? Erscheinen die dort aufgeworfenen Themen uns heute so fremd? Oder genügt es doch, dass die Göttliche Komödie im Ruf steht, ob der vielen historischen und philosophischen Anspielungen mehr als anspruchsvoll zu sein, sodass sich mancher Leser hierdurch abgeschreckt fühlt? Ist und bleibt Dante schlichtweg ein literarischer Sonderfall, einzig ein Genuss für akademische Spezialisten und bildungsbürgerliche Liebhaber?

Die angeführten Bedenken haben durchaus Gewicht. Literatur sollte unterhalten oder belehren – am besten schafft sie beides. Denn der Akt des Lesens ist vielfältig: Wir erfahren neues über die Welt und ihre Beschaffenheit und erweitern mit jeder Zeile unseren geistigen Horizont. Wir können dabei sein, wenn Helden ihre Abenteuer bestehen und uns am Zauber fiktionaler Epen erfreuen. Als Leser nehmen wir Anteil an den Schicksalen von Figuren und ihrer Geschichte, können Freude, Liebe, Hass, Wut und Schmerz mit- und manchmal auch nachempfinden. Lesen ist für viele Menschen nicht nur ein angenehmer Zeitvertreib, sondern ein Weg, um die Welt um sie herum besser verstehen zu können. Kann uns Dante also heute noch helfen, die Welt um uns besser zu verstehen? Was hat ein Autor aus dem Spätmittelalter uns heute noch zu sagen, das auch nach 700 Jahren angeblich nichts an Gültigkeit verloren hat? Auf den ersten Blick erscheinen die in der Göttlichen Komödie aufgeworfenen Themen und Problematiken in einer aufgeklärten, säkularen und technisieren Welt zu befremdlich, als dass sie den modernen Menschen im Alltag tangieren.

Doch der Eindruck der mangelnden Aktualität täuscht. Auch nach 700 Jahren berührt die Göttlichen Komödie Themen, die nichts von ihrer Wirkung eingebüßt haben: Weltliche Politik, Philosophie und am profundesten die Konfrontation des Menschen mit seiner eigenen Vergänglichkeit und damit verbunden der Frage nach dem Jenseits. Die Wanderung durch Hölle und Läuterungsberg führt uns, genau wie Dante vor 700 Jahren, durch einen Kosmos menschlicher Verfehlungen, personifiziert durch historische Gestalten, die für alle Sünden, Verbrechen und Irrtümer stehen, die je auf Erden begangen wurden. Die künstlerische Leistung Dantes besteht nun darin, dass er aus der Synthese christlicher Jenseitsvorstellung und den zu seiner Zeit gerade wiederentdeckten Schriften der Antike ein literarisches Werk erschafft, das bis heute unser Bild der Hölle prägt. Dante erschafft in seinem Werk eine neue Jenseitslandschaft, die, eigentlich für die Lebenden unzugänglich, an der Seite des Dichters erlebbar wird. Das Inferno, das uns hier vor Augen tritt, ist aber kein bloßes Chaos des Bösen, sondern ein systematisch wohldurchdachter Ort der Strafen mit eigener Topografie: Gebirge, Flüsse, Seen und Sümpfe, grauenvolle Städte und Wälder. Dantes Hölle ist ein Ort der Extreme, an dem sich unsere Ängste in Landschaften des Schreckens manifestieren: glühende Eisenplatten, Rauchkammern, Feuerstürme, brennende Särge, siedende Pechkessel und eisige Kälte erwarten jene Seelen, die Völlerei, Blasphemie, Gier, Ehebruch, Verrat und Mord anheimgefallen sind. Dieser Detailreichtum lässt die eigentlich abstrakte Hölle erschreckend nah und authentisch erscheinen. Und man spürt förmlich angesichts dieser grotesk übersteigerten Brutalität das ganz und gar nicht klammheimliche Vergnügen, das Dante überkommen haben muss, als er bei der Schilderung der höchst peinlichen göttlichen Justiz ins Detail gehen konnte und seinen Gegnern zeigte, was sie erwartet wird, wenn sie in der Hölle für ihre Untaten büßen müssen. Brecht kann man daher zumindest in Teilen bei seiner Aussage über Dante zustimmen. Hölle und Läuterungsberg hinterlassen beim ersten Lesen schon aufgrund der dramatischen Szenerien einen bleibenden Eindruck, wohingegen es im Himmel vergleichsweise recht undramatisch zugeht. Dort kann man mit Beatrice, sollte einen das Geschick dort zusammentreffen lassen, über die wahre Natur von Mondflecken und anderen dringenden scholastischen Problemen disputieren. Thematiken die dem heutigen Alltag vielleicht dann doch etwas zu fern sind.

Die Göttliche Komödie ermöglicht aber nicht nur ein Blick auf das Jenseits. Dante verarbeitet die römisch-griechische Philosophie, Dichtkunst und Mythologie in seinem Werk. Er beschreibt florentinische Politik und Stadtgeschichte neben Kirchen- und Herrscherkritik. Mythische Figuren aus der antiken Dichtung reihen sich neben historische Persönlichkeiten aneinander und treten mit Dante und damit dem Leser in Dialog. Doch es bedarf keiner umfassenden bildungsbürgerlichen Vorkenntnisse, um in den Genuss der Göttlichen Komödie zu kommen. Natürlich mag ein Blick auf die historischen Ereignisse und Persönlichkeiten des 13. Jahrhunderts lohnenswert erscheinen, will man tiefer in Dantes Werk eintauchen. Wird der Zugang zu Dante dadurch leichter? In manchen Punkten sicherlich. Historische Zusammenhänge und Ereignisse im Werk erkennen und deuten zu können (ein gutes Beispiel hierfür ist die Geschichte des Grafen Ugolino, Inferno, 32/33), mag dem Leser den Kontext verständlicher machen. Allerdings ist es nicht nötig, um das Schicksal des historischen Ugolino zu wissen, um sich dessen tragischer Situation im neunten Höllenkreis bewusst zu werden. Dante will mit seinem Werk den Leser weder über das historische Weltgeschehen informieren noch mit einer philosophischen Idee vertraut machen. Vielmehr geht es ihm um eine „bezwingende Dichtung, in deren Feuer jede Thematik eingeschmolzen wird, das Drama eine ganzen Menschenlebens ebenso wie die Politik, die Theologie oder eine vielfältig deutbare ‘Philosophie’.“[5] Dies zeigt sich auch an der Wahl seiner Sprache für sein Hauptwerk: Italienisch. Der sogenannte leichte, anspruchslose Stil (volgare illusttre) sollte eben allen den Zugang zur Commedia ermöglichen. Daher ist nach Auffassung des Verfassers die Entscheidung des Erstlesers, zwischen beispielsweise einer Versübersetzung von Wilhelm Hertz oder der freieren Prosa eines Kurt Flasch weniger bedeutsam als vielleicht zu vermuten ist. Ähnliches kennt man von anderen Großen der Literatur. So ließe sich bei Homers Werken die gleiche Diskussion führen – Voß oder Schadewaldt?! Letztlich sollte in beiden Fällen einzig der Lesegeschmack des Einzelnen (über den man sich ja bekanntlich streiten kann) entscheiden. Vers- und Prosaversionen haben beide ihre Vor- und Nachteile, deren Erläuterung an dieser Stelle zu weit gehen würde. Nur so viel sei dazu gesagt: Natürlich handelt es sich bei Dante, wie auch Homer, um Dichtung, nicht um Prosa sodass eine Versübersetzung vielleicht eher den Geist der Göttlichen Komödie auch auf der Ebene der Textstruktur wiedergibt. Doch gehören solche Gedanken wirklich zu den Sorgen eines Erstlesers? Ich glaube nein.

Wem ist nun dieses Jahrhundertwerk, dieses Stück Weltliteratur aus der Feder Dantes zu empfehlen? Man möchte meinen, dass die Göttliche Komödie so vielfältig und tiefschichtig ist, dass jeder Aspekte in ihr findet, die ihn ansprechen. Doch das wäre zu einfach. Ein gewisses Grundinteresse sollte natürlich vorausgesetzt werden, denn Dante ist keine einfache Bettlektüre. Offenen Geistes und Herzens sollte der Leser sein und sich auf den Stoff, der sich vor ihm beim Lesen entfalten wird, erst einmal einlassen. Wichtiger erscheint es, zuerst die eindrucksvolle Szenerie und die Figuren wahrzunehmen, ohne sich Gedanken über Stil, Form und Hintergründe zu machen. Wer dies beherzigt, wird feststellen, dass „die Faszination, Wirkung und […] Gültigkeit der ‚Comedia‘ darin begründet [liegen – sic!], dass sie den aufmerksamen Leser dahin bringen, einen Augenblick aus der Enge seines Jahrhunderts herauszutreten. In der Begleitung des Wanderers durch Hölle und Himmel beginnt er, die Welt mit anderen, sensibleren Augen zu sehen.“[6] Wer an diesen Punkt kommt, wird auch nach dem Inferno Dante nicht beiseitelegen wollen.

Ein Beitrag von Leonhard Lietz


Leonhard Lietz studierte Germanistik und Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal und war u. a. als Deutschtutor an der University of Delhi tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u. a. die vergleichende Literatur- und Kulturgeschichte sowie Magiestudien mit dem Schwerpunkt Agrippa von Nettesheim.


Anmerkungen:

[1] Erstmalig 1555 als La Divina Comedia wurde Dantes Werk von Ludovico Dolce bezeichnet, der für den Drucker Gabriel Giolito in Ferrara die Comedia bearbeitete. Allerdings gab erst die frühe kritische Ausgabe der Academia della Crusca in Florenz, 1595, dem Werk seinen bis heute gültigen Namen La Divina Comedia di Dante Alighieri. zitiert nach Fritz R. Glunk: Dante. Dtv, München 2003. S.159.

[2] Franziska Meier: Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie. C.H. Beck, München 2021. S. 202.

[3] Dante Alighieri: Commedia. In deutscher Prosa von Kurt Flasch. S.Fischer, Frankfurt am Main 2020. Nachwort S. 595.

[4] Ebd., S. 596.

[5] Glunk: Dante, S. 161.

[6] Glunk: Dante, S. 169.


Literaturhinweise:

Dante Alighieri: Commedia. In deutscher Prosa von Kurt Flasch. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020.

Glunk, Fritz R.: Dante. Dtv, München 2003.

Meier, Franziska: Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie. C.H. Beck, München 2021.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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