Der MYTHO-Blog gratuliert … zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys – Mit einer persönlichen Widmung von Walter Siegfried Hahn

Am 12. Mai dieses Jahres würde er seinen 100. Geburtstag feiern: Joseph Heinrich Beuys, einer der berühmtesten und zugleich umstrittensten deutschen Künstler der Nachkriegszeit. Er war Bildhauer, Zeichner, Kunsttheroretiker, Professor der Düsseldorfer Kunstakademie. Ein Visionär, Nonkonformist, grandioser Selbstdarsteller, Gesellschaftskritiker, Schamane, Aktivist für Ökologie und Demokratie und als solcher Mitbegründer der Partei Die Grünen, kurzum, ein kreatives Enfant terrible in Reinform, ein Schaffender, der die Kunstwelt prägte und noch immer prägt wie kaum ein Zweiter. Weltweit wird er als einer der bedeutendsten Aktionskünstler des 20. Jahrhunderts angesehen.

1921 im niederrheinischen Krefeld als Sohn eines Kaufmannes geboren und in Kleve aufgewachsen, zeigte Joseph Beuys bereits früh ausgeprägtes künstlerisches Talent; als er im Alter von 18 Jahren mit dem Werk des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck in Berührung kam, beschloss er, Bildhauer zu werden. Nach dem freiwillig absolvierten Dienst in der Luftwaffe studierte er 1946-1952 Malerei und Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Josef Enseling und Ewald Mataré, trat dem Niederrheinischen Künstlerbund Kleve bei und beteiligte sich an regionalen Gruppenausstellungen.

Fett und Filz, dies sind die Dinge, die uns zunächst in den Sinn kommen, wenn wir an Joseph Beuys denken. Die Vorliebe für diese Materialien begründete er mit der Behauptung, er sei 1944 während eines Kriegseinsatzes über der Krim abgestürzt und von Krimtataren gefunden worden, die ihn mit Fett und Filz gewärmt und somit vor dem Tod bewahrt hätten. Tatsächlich handelt es sich hierbei um eine selbstgeschaffenen Legende, denn der Schwerverletzte verdankte seine Rettung einem deutschen Suchkommando.

Nicht nur mit diesem Narrativ erschuf der Künstler seinen eigenen Mythos. Legendär sind auch seine Kunstaktionen; so ließ er 1965 in einer beispiellosen Aktion Besucher der Düsseldorfer Galerie Schmela von außen dabei zusehen, wie er, den Kopf völlig mit Honig und Goldstaub eingerieben, einem toten Hasen die in der Ausstellung befindlichen Bilder erklärte.

In seinem umfangreichen Schaffen setzte sich Beuys mit humanistischen, sozialphilosophischen und anthroposophischen Fragen auseinander, was in seiner spezifischen Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und zur Konzeption der Sozialen Plastik als Gesamtkunstwerk mündete.

Beuys provozierte, polarisierte und definierte den Begriff Kunst sowie die Grenzen der Kunst völlig neu und forderte eine Mitgestaltung in Gesellschaft und in der Politik seitens der Kreativen. Ihm zufolge sollte Kunst nicht mehr nur auf das materiell Erfassbare reduziert sein, sondern sie soll verstören, aufwecken. Er vertrat die Ansicht, dass man die Gesellschaft von der Kunst her verändern kann und sah nicht nur Maler, Komponisten, Bildhauer, Architekten etc. als Künstler an, sondern verwies auf die schöpferischen Kräfte, die jedem Menschen innewohnen: „Jeder ist ein Künstler […].“ Somit habe jeder Einzelne die Möglichkeit, denkend und gestaltend auf die Gesellschaft einzuwirken.

Als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie prägte Beuys viele zeitgenössische Künstler. Nonkonform waren seine Lehrmethoden und auch der Umgang mit den Statuten der Hochschule – er nahm zahlreiche abgewiesene Bewerber in seine Klassen auf und besetzte außerdem mit seinen Studenten mehrfach das Sekretariat. 1972 kam es schließlich zur fristlosen Kündigung durch den damaligen Minister für Wissenschaft und Forschung, was zahlreiche Proteste vieler prominenter Kunstschaffender, darunter z. B. Martin Walser, Peter Handke, Heinrich Böll und Gerhard Richter, zur Folge hatte. Beuys klagte gegen seinen Rauswurf und bekam schließlich Recht: Er durfte seinen Professorentitel behalten wie auch das Nutzungsrecht für sein Atelier an der Akademie. Inzwischen hatte er 1973 die Free International University (Freie Internationale Hochschule für Kreativität und interdisziplinierte Forschung) gegründet.

Seit 1964 wirkte er an jeder documenta in Kassel mit und stellte als erster deutscher Nachkriegskünstler 1979 im New Yorker Guggenheim Museum aus. Auf der documenta 7 1982 begann Beuys mit der Schaffung einer ebenso aufwändigen wie aufsehenerregenden Skulptur: Insgesamt 7.000 Eichen wurden unter dem Titel „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ in Kassel gepflanzt, die letzte 1987, nach seinem Tod.

Joseph Beuys starb 1986 in seinem Düsseldorfer Atelier an Herzversagen. Sein Werk erfährt im Beuys-Jahr 2021 eine umfassende Würdigung: Nicht nur in seiner Heimat NRW, sondern auch in vielen anderen deutschsprachigen Regionen wird der Ausnahmekünstler mit zahlreichen Ausstellungen, Veranstaltungen und Aktionen geehrt.

Ein Beitrag von Isabel Bendt


Beuys 100 – Eine persönliche Widmung von Walter Siegfried Hahn

Einmal war ich Dir ganz nahe, lieber Jupp! Da habe ich Dir in die Augen gesehen. Daraus blickte mich einer an. Was sah ich? Liebe, klar wie ein Bergsee.

Das war im Herbst 1983 in Berlin, nach einem Vortrag auf einer Tagung mit Ossip K. Flechtheim und anderen. Ein, zwei andere standen mit dabei, redeten und hörten zu. Ich hörte nur zu. Und sah in Deine Augen.

In der Nachfolge von Schiller hast Du mit allen Fasern Deiner Seele deutlich gemacht und in allen Deinen Handlungen gezeigt, dass jeder Mensch beiträgt zu der Welt wie sie ist, mit seinen Gedanken, Gefühlen und Taten. Vorher war doch die Kunst bei einer privilegierten Gruppe beheimatet. Du hast das Tor in die neue Zeit aufgestossen, wo jeder und jede sich als Künstler verstehen können, ja müssen, wo wir alle antworten können müssen. Jetzt kommen wir so langsam in Deiner Zukunft an, immer noch wie verstörte Hühner.

So mächtig wie Du gesprochen hast, wusstest Du über die Macht der Begriffe. Daher die Erweiterung des Kunstbegriffs, die Sachlichkeit und Wärme im Umgang mit ihnen. Denn Macht verstandest Du wie die Mutter machtet über das Kind. Hegen, pflegen und schützen, auf dass es nach seinen eigenen Gesetzen gedeihen möge.

Man muss Dich mehr einbeziehen, auf Dich hören, sich nächtens mit Dir beraten. Lass uns den 100. zum Anlass nehmen.


Walter Siegfried Hahn ist Landwirt, Sinnesmensch und Berater auf der Insel Palawan. Neben der Sozialen Plastik, die er vor allem im Aufbau von Erfahrungsfeldern der Sinne verwirklicht, sieht er die Biologisch-Dynamische Landwirtschaft als die grösste Kunst.

www.waltersiegfriedhahn.de, www.koberwitz1924.com

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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