Terra Incognita TUVA. Eine Reise zu Nomaden, Musikern und Schamanen

Auf dem Umschlag sieht man Stangen mit wehenden Büscheln aus Pferdehaar. Auch Dschingis Khan trug einen solchen Büschel am Speer. Die Mongolen glaubten, dass ihre Seele nach dem Tode dahinein gehen würde. Im vorliegenden Buch steht ein Nachbarvolk im Fokus, die Tuwa, deren Republik sich im Süden Sibiriens befindet und Teil der Russischen Föderation ist und im Nordwesten der Mongolei liegt.

Ulrich Balß, Musikproduzent und Fotograf, hat versucht, die Seele dieses Volkes, ja dessen Stimmen einzufangen. „Einfangen“ ist sicherlich der falsche Begriff, denn diese Seele lässt sich nicht mit moderner Technik einfangen, wohl aber mit Pferdehaarbüscheln und Kehlkopfstimmen. Es ist immerhin ein Versuch, uns technikabhängigen Lesern dieses Volk, seine Lebensweise, seine Gesichter, seine Stimmung näherzubringen: Anklänge an ein anderes Leben, wie es vielleicht noch in unseren Genen steckt. Die Fotos, oft großformatig, lassen uns in die Steppe tauchen, ganz nah den Pferden und Jurten, in die Blicke erlaubt sind. Vor allem die Porträts von Männern und Frauen, Kindern, Schamanen, Reitern und Ringern öffnen ganz eigene Landschaften. Wie auch Hände, gerissene Holzwände, Trommeln, Masken, Schmuck und archäologische Funde aus der Skythenzeit. Sie zeigen, dass die Skythen, von denen schon Herodot schrieb und die bis ans Schwarze Meer kamen, keine kunstlosen Barbaren waren, wie sie von Griechenland aus gesehen wurden. Ihre Nachfolger pflegen das Erbe, auch den Glauben und die Beziehung zur Natur, soweit das noch möglich ist. Buddhismus, Schamanismus und russisch-orthodoxe Religion leben hier friedlich nebeneinander. Es gibt sogar zwei schamanistische Kliniken. In der Sowjetzeit versuchte man, die alten Religionen auszurotten: Hört auf mit diesem komischen Singen, hieß es, das tun keine zivilisierten Menschen. Und Maultrommeln sind unhygienisch. Doch die Ausrottung misslang, derzeit leben viele alte Bräuche wieder auf, Feste, Pilgerfahrten, Reiten, Ringen, Bogenschießen, die Verehrung heiliger Berge und vor allem der Schamanismus.

Die Skythen hatten eine Hochkultur schon um 800 v. Chr. Allerdings deuten archäologische Spuren auf eine uralte Besiedelung im Gebiet zwischen Altai, Sajangebirge und der Wüste Gobi, die schon vor mindestens 50 000 Jahren begann. Die Tuwiner sprechen eine Turksprache, ähnlich wie die Jakuten im Norden Sibiriens. In Deutschland ist ihre Kultur bekannt geworden durch den tuwinischen Autor Galsan Tschinag, der zahlreiche Romane über seine Kindheit und sein Volk geschrieben hat – und zwar meist auf Deutsch. Er hat zu DDR-Zeiten in Leipzig gelebt und studiert (nicht in Ostberlin, wie im Buch zu lesen ist).

Das sinnlich ansprechende Buch wird bereichert durch eine CD und eine DVD. Auf der CD hört man die eindringlichen Klänge aus der Tiefe der Steppe, vorgetragen von der bekannten Gruppe Huun-Huur-Tu, die Weltmusik mit traditionellen Klängen verbindet und dabei auch traditionell unbekannte Instrumente einsetzt. So kann auch ein moderner Mensch aus westlichen Gefilden ein Ohr entwickeln für die zunächst merkwürdige Musik. Weiteres erfährt man auf der DVD. In einem Film von Wolfgang Hamm lernt man vieles über die akustische und physiologische Seite des Obertonsingens, bei dem in der Kehle zwei Stimmen gleichzeitig klingen – eine Grundstimme und eine sich abspaltende Stimme. Meister des Singens führen ihre Kunst vor, die sehr nah den Naturgeräuschen von Wind und Tieren stehen kann, eine Musikwissenschaftlerin erklärt die genaue Funktion. Das Ganze wird jedoch eingebettet in Blicke auf Menschen, Geschichte und wundervolle Landschaften, so dass ein wahrhaftes Panorama tuwinischen Lebens entsteht. Ein Beispiel: der Besuch bei einem Schamanengrab, dazu Erklärungen über Schamanismus, Tod und Geisterwelt.

Ist es nicht wunderbar, dass wir in einer Zeit leben, in der man mit technischen Mitteln eine uns fast verlorene Zivilisation wieder nahebringen kann? Anschauen, hören, lesen!

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweis:

Ulrich Balß. Terra Incognita TUVA.  A journey among Nomads, Shamans and Musicians / Eine Reise zu Nomaden, Musikern und Schamanen. JARO Medien 2020. 144 Seiten, Fotoband mit Texten. Fester Einband,  mit 1 CD und einer Film-DVD.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

3 Antworten auf „Terra Incognita TUVA. Eine Reise zu Nomaden, Musikern und Schamanen“

  1. Den Schamanismus werde ich stets in Ehren halten.
    durch die Schamanen wurde ich geheilt.
    Mein bösartiges Non Hodgin-Lymphom (vor fünfzehn Jahren) hatte bei mir nicht zum Tode geführt.

    Elfriede Weber

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