Etwas über Dante

Der Florentiner Dante Alighieri ist 1321 – also vor 700 Jahren – in Ravenna gestorben, und aus diesem Anlass werden viele kluge Menschen viele kluge Dinge über den verehrten Schöpfer der Göttlichen Komödie schreiben. Wer sich auf den Dichter Dante einlässt, kann erfahren, dass er gefordert hat, jeden Text müsse man in vierfachem Sinn auslegen können – einmal im buchstäblichen Sinn, dann im allegorischen Sinn, weiter im moralischen Sinn und schließlich im anagogischen Sinn, wobei anagogisch eine Anleitung zum Aufstieg meint, und zwar „zum Aufstieg in die Sphäre der Glaubenswahrheit“, wie es bei Ernst Robert Curtius in dem Buch zu lesen ist, in dem er 1932 „Elemente der Bildung“ beschrieben hat. Als jemand, der vor allem über Fortschritte und Einsichten der Naturwissenschaften schreibt, möchte ich einmal in knapper Form nachprüfen, ob Dantes vierfache Forderung an Geschriebenes etwa in Sachbüchern erfüllt werden kann.

© Ernst Peter Fischer

Da ist zunächst der buchstäbliche Sinn, der keine Mühe bereiten sollte, wie man meinen könnte, weil im Alltag klar ist, was gesagt werden soll, wenn man liest, „Menschen treffen sich zu einem Gastmahl und erfreuen sich der ihnen dargebotenen Speisen.“ Natürlich halten erfahrene Leser sofort Ausschau nach einem versteckten doppelten Boden, den jede gute Erzählung kennt und der sich mit Hintergedanken der Eingeladenen oder des Küchenpersonals öffnen kann. Aber buchstäblich ist klar, was zu lesen ist: Menschen kommen zusammen und nehmen an einem Tisch Platz. Doch so einfach sich die Worte in dieser Sphäre des Humanen lesen lassen, wenn ein wissenschaftlicher Text Sätze über Atome oder Gene schreibt, erfordert bereits das Buchstäbliche einiges Nachdenken. Denn was meint man genau, wenn man schreibt, „Atome fügen sich zu Festkörpern zusammen“ oder „Gene informieren über den Bau von Makromolekülen“. Was fügt sich da wie zusammen? Und wer liest in den Genen, damit sie ihre Information auf welche Weise loswerden? Buchstäblich – das geht bestenfalls in den simpelsten Fällen, wenn man etwa sagen will, „Die Welt ist voller Atome“ oder „Es gibt Gene in Zellen“, wobei aber schon der nächste Schritt schief geht, etwa wenn man sagen will, wie viele Gene es in einer menschlichen Zelle und Atome in einem Liter Wasser gibt und wo Gene oder Atome genau anfangen und aufhören.

Was den allegorischen Sinn und damit die bildliche Darstellung eines eher abstrakten Begriffs angeht, so meint Dante selbst die Erzählung von Ovid, der von dem Sänger Orpheus berichtet, der in der Lage ist, mit seiner Leier Menschen zu bewegen. In der wissenschaftlichen Literatur werden einerseits die von den Mathematikern entdeckten Dimensionen, die über die zur Lebenserfahrung gehörenden Zahl Drei hinausgehen, als Allegorie für die Begrenztheit der menschlichen Vorstellungskraft benutzt. Allegorien weisen dabei über Metaphern hinaus, von denen es in wissenschaftlichen Texten wimmelt, etwa wenn die Wirkung von Biomolekülen durch das Schlüssel-Schloss-Prinzip erklärt wird und Gene als Worte im Buch des Lebens gelten, das gelesen werden kann. Allgemein gilt zu beachten, dass in einer Allegorese versucht wird, der verschleierten Bedeutung eines Textes auf die Spur zu kommen, was bei populärwissenschaftlichen Beiträgen knifflig sein kann, da sie ja gerade alles offenzulegen versuchen und man ihnen ein Versteckspiel mit dem Bekannten und Bekanntzumachenden übelnehmen würde. Aber wie kann ein Autor offenlegen, was selbst ein Geheimnis ist, zum Beispiel die Funktion eines Gens oder die Materialität eines Atoms? Hier kann man an das oben angedeutete Problem des buchstäblichen Sinns anschließen und vermuten, dass durch die nur wenig beachtete Tatsache, dass die Wissenschaften kein Geheimnis lüften, dafür aber alle vertiefen, im Grunde alle wissenschaftsjournalistischen Mühen allegorisch bleiben und die lesenden Rezipienten dabei ihre eigenen Bilder entwerfen müssen, wenn sie für sich selbst etwas verstehen wollen. Ein Satz wie „Die Welt ist aus Atomen aufgebaut“ kann deshalb nur ebenso allegorisch sinnvoll sein wie der Satz „Das Leben einer Zelle fängt mit dem Einsatz von genetischer Information an“.

Und was ist mit dem dritten Sinn aller Dichtung nach Dante, dem moralischen Sinn? Normalerweise wirft man der Wissenschaft vor, nur das Sein zu beschreiben und zum Sollen nichts beizutragen. Natürlich folgt aus der Existenz von Atomen keine Moral, auch wenn in der Antike einmal versucht wurde, aus der Tatsache, dass Menschen allein aus Atomen bestehen, den Schluss zu ziehen, dass sie tun könnten, was sie wollten. Trotzdem kennt die Wissenschaft den Schritt vom Sein zum Sollen, nämlich dann, wenn sie Personen als Eltern identifiziert und sie dadurch verpflichtet, für ihre Kinder zu sorgen. Und heutzutage braucht niemandem mehr erklärt zu werden, dass die Einsichten in den Zustand der Welt unmittelbar die Verantwortung zu nachhaltigem Handeln mit sich bringen, was ökologischen Texten in aktuellen Zeiten unmittelbar eine moralische Dimension verleiht.

Bleibt der anagogische Sinn, der eine Erhebung und einen Aufstieg meint und den Zugang zu einer Form von Wahrheit anspricht, die einen Menschen „zum Licht hin“ führen kann. „Licht wird auch fallen auf die Geschichte des Menschen“, wie Charles Darwin am Ende seines epochalen Werks „Über den Ursprung der Arten“ von 1859 meint und womit er seinem Buch eine anagogische Dimension gibt. Sie gehört vielfältig zur wissenschaftlichen Literatur und findet sich zum Beispiel in „Mein Weltbild“ von Albert Einstein. Hierin macht er deutlich, wie es dem naturwissenschaftlich entschlossenen Denken gelingt, immer wieder auf neue Geheimnisse zu stoßen, und dabei den Menschen das schönste Gefühl vermittelt, das er sich denken kann, das Gefühl für das Geheimnisvolle, mit dem alle Kreativität einsetzt. Die Göttliche Komödie der Neuzeit spielt sich in den Naturwissenschaften ab. Sie liefern eine unendliche Geschichte, die buchstäblich anagogisch wird.

Ein Beitrag von Ernst Peter Fischer


Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte am California Institute of Technology. Er habilitierte sich im Fach Wissenschaftsgeschichte u. a. an den Universitäten Konstanz und Heidelberg. Als Wissenschaftspublizist schreibt er unter anderem für Die Welt und Focus. Fischer ist Autor zahlreicher Bücher, darunter der Bestseller “Die andere Bildung” (2001) und die Max-Planck-Biographie “Der Physiker” (2007). Darüber hinaus erschienen von ihm u. a. “Die Verzauberung der Welt – Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften” (2015) und “Durch die Nacht: Eine Naturgeschichte der Dunkelheit” (2017). Für seine Arbeit erhielt er mehre Preise, u. a. den Sartorius-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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