Feuer der Götter: Vulkane und ihre Mythen

Erneut rumort es im Mongibello (gelegen zwischen den sizilianischen Städten Messina und Catania), den die meisten von uns als Ätna kennen. Seit Weihnachten spuckt der aktivste Vulkan Europas Asche und Lava. Experten prognostizieren gar das Bevorstehen eines größeren Ausbruchs. Erdbeben, Flugausfälle, Evakuierungen. Viele erinnern sich vielleicht noch an das Spektakel von 2010. Damals war es der Eyjafjallajökull an der Südküste von Island, der mit seinen Eruptionen vor allem die Geduld der Flugreisenden strapazierte. Im Gegensatz zum Ätna liegt der Eyjafjalla weistenstgehend abseits von Städten und Siedlungen. Von einer neuen Magmakammer unter dem „Gutmütigen“ gehen die Forscher derzeit aus und in der Tat, sind spontane, exposionsartige Eruptionen am Ätna, wenn auch vorhanden, in den historischen Aufzeichnungen eher seltener Natur. Sein italienisches Pendant, der Vesus (gelegen am Golf von Neapel), hat es aufgrund seines verheerenden Ausbruchs im Jahr 79 n. Chr. (überliefert vom römischen Schriftsteller Plinius dem Jüngeren), bei dem die antiken Städte Pompeji, Herculaneum, Oplontis und Stabiae verschüttet wurden, zu wesentlich traurigerer Berühmtheit gebracht. Aus dem 12., 17. und 18. Jahrhundert sind weitere heftige Ausbrüche des Vesuvs bekannt; der zuletzt dokumentierte fand im Jahr 1944 statt.

Im Gegensatz zum Vesuv, von dem man zwischenzeitlich sogar davon ausging, dass er erloschen sei, ist der Ätna ständig aktiv, das bedeutet, dass von ihm keine definitiven Ruhezeiten bekannt sind. Schon in vorchristlich römischer Zeit sind eine Reihe von Ausbrüchen belegt. Die größte Eruption ereignete sich allerdings „erst“ 1669. Dabei wurde die Stadt Catania fast vollständig zerstört.

Wie steht es nun aber mythologisch um den Ätna? Und um Vulkane im allgemeinen? Denn die Feuerberge überziehen den Planeten Erde mit mal mehr, mal weniger ausgeprägter Häufigkeit (man denke hier beispielsweise an die überirdischen und unterseeischen Vulkane des Pazifischen Feuerrings). Von Hawaii bis Island, von den südamerikanischen Azteken bis zu den alten Römern und Griechen, in sämtlichen Kulturen weltweit spielen Vulkane als Sitz der Götter eine wichtige Rolle. Sogar im Alten Testament wird von der Macht der Feuerriesen berichtet. So heißt es im Buch Exodus, welches den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten durch den Propheten Mose erzählt: „Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der Herr auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr. (Ex. 19,18) […] Und alles Volk wurde Zeuge von dem Donner und Blitz und dem Ton der Posaune und dem Rauchen des Berges.“ (Ex. 20,18) Ob man nun aufgrund dieser göttlichen Willensdemonstrationen im hebräischen Gott Jawhe die Wurzeln eines Vulkangottes vermuten darf oder den monotheistischen Glauben an den einen Gott sogar mit einem Vulkan gleichsetzt, diese Fragen hat der Naturwissenschaftler Colin J. Humphreys aufgeworfen. U. a. lokalisiert er den biblischen Sinai im Vulkan Hala al-Badr im nordwestlichen Saudi-Arabien (Provinz Medina), von dem Aktivitäten bis ins Mittelalter hinein belegt sind.

Vulkane sind aber nicht nur als Wohnsitz der Götter bekannt. Sie gelten auch als Pforten ins Reich der Unterwelt oder (christlich gedeutet) in die Hölle; stellvertretend können sie sogar für beides stehen. Vom Ätna glaubte man in der Antike, er sei die Arbeitsstätte der Kyklopen (oder: Zyklopen), einäugigen Gestalten, die laut der „Theogonie“ des Hesiod gottgleiche Kreaturen sind. Eine der bekanntesten ist Polyphem, dem der Homerische Held Odysseus auf seinen Irrfahrten begegnet. Er ist der Sohn des Poseidon, hat aber keinen Vulkan, sondern eine Höhle als Wohn- und Arbeitsstätte. Nur durch eine List (Odysseus sagt zu Polyphem er sei „Niemand“) gelingt den gefangen Geratenen die Flucht. Die Kyklopen des Ätna wiederum sind dem Feuer- und Schmiedegott Hephaistos (bei den Römern Vulcanus) unterstellt und unterstützen ihn bei seiner Arbeit. Dieser, beschrieben als klein und hässlich, war durch das Wirken des Göttervaters Zeus mit Aphrodite, der Göttin der Liebe und der Schönheit, verheiratet. Allerdings nahm es die Gattin mit der Treue oft nicht ganz so genau. Immer wenn sie Hephaistos untreu war (u. a. mit dem Kriegsgott Ares) soll er die Feuer des Ätna derart geschürt haben, dass es zu einem Ausbruch führte. In einer anderen Version handelt es sich um das Zepter des Zeus, das für das Rumoren des Berges verantwortlich war, immer wenn Hephaistos daran arbeitete.

Einem weiteren Mythos zufolge treibt der Typhon im Ätna sein Unwesen. Der Typhon ist ein Riese mit Drachen- und Schlangenköpfen, bekannt als Vater der gefährlichen Winde (das Wort „Taifun“ soll etymologisch von seinem Namen abgeleitet sein). Um sich an Zeus zu rächen, der die Titanen (die Kinder der Gaia) besiegte, zeugte diese mit dem Unterweltsgott Tartaros den Typhos. Um ihn zu bändigen, warf der Göttervater den Ätna auf ihn und begrub das Monster darunter.

Dem römischen Schriftsteller Gaius Iulius Hyginus (gest. 4 n. Chr.) zufolge, soll sich der Raub der Persephone (durch den Unterweltsgott Hades) am Ätna abgespielt haben. In Berichten und Erzählungen des Mittelalters gilt der Ätna meist als Ort der Verdammnis, so u. a. im „Inferno“ (Teil der Divina Commedia) des florentinischen Dichters Dante Alighieri, wo er als Ort der Strafen dargestellt ist. Der legendäre König Artus soll im Ätna hausen. Und vom letzten Stauferkaiser, Friedrich II. (1194-1250), besagt der Volksglaube, er sei (ähnlich wie die Sagenfigur Dietrich von Bern aus dem Hildebrandslied) in den Ätna geritten, um in Zeiten der Not zurückzukehren. Diese Vorstellung wurde später auf seinen Großvater, Friedrich I. Barbarossa (1122-1192), übertragen und der Ätna mit dem Kyffhäuser getauscht.

Mehr noch als der Ätna wurden im Mittelalter die Gipfel des isländischen Vulkans Hekla mit dem Tor zur Hölle assoziiert. Vom Zisterziensermönch Herbert von Clairvaux wird vermutet, er habe in seinem Liber miraculorum (1180) den großen Ausbruch der Hekla aus dem Jahr 1104 aus den Quellen übernommen. Im Gegensatz zum Brodeln der sizilianischen Kessel, habe es sich hierbei um ein wahres Inferno gehandelt. Ein weiterer Ausbruch ist für das Jahr 1341 dokumentiert (u. a. in der isländischen Handschriftensammlung „Flateyjarbók“). Um diese Zeit beobachtete man einen intensiven Vogelflug, den man für das Aufsteigen und Absteigen von Seelen hielt.

Am Fuße des ebenfalls isländischen Vulkans Herdubreid, auch bekannt als die „Königin der Berge Islands“, soll den germanischen Mythen nach der Asengott Balder mit einem Mistelzweig (zurückzuführen auf eine List des Loki) getötet worden sein. Und am nicht nur sprichwörtlichen Ende der Welt, auf Hawaii (ebenso wie Island entstanden bzw. entstehend durch vulkanische Aktivität), soll im Krater des Kilauea die Göttin Pele wohnen. Steht ein Ausbruch bevor, zeigt sie sich angeblich am Rand des Berges. Sie gilt als äußerst unberechenbar und vor allem jähzornig, daher werden Opfer dargebracht, um ihr Gemüt zu besänftigen.

Gegen die Ausbrüche des Ätna wird häufig die heilige Agatha von Catania angerufen (um 225-250 n. Chr. ; Gedenktag 5. Februar), welche auch die Schutzpatronin der Feuerwehren ist. Sie erlitt das Martyrium, nachdem sie den sizilianischen Statthalter Quintinianus als Ehemann abgelehnt hatte. Dieser lies sie in ein Freudenhaus verschleppen, ihre Brüste abschneiden und sie auf glühende Kohlen legen. Kurz nach ihrem Tod soll der Ätna ausgebrochen sein. Ihr Schleier soll dabei geholfen haben, die Lavaströme zu stoppen.

Ob man dererlei Mythen und Geschichten nun glauben mag oder nicht, Vulkane haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Auch die Dichter und Denker sind von ihnen vielfach inspiriert worden, so wie die Schriftstellerin Bettina (oder Bettine) von Arnim (1785-1859), die in einem ihrer weniger bekannten Gedichte „Der Vulkan“ Feuerberge und Romantik miteinander verband. Lesen sie selbst…

„Ja, die Zeichen sind alle erfüllet,
Als sich der Himmel so dunkel umhüllet,
Sonne auf blutenden Gleisen entstieg.
Wie die häuslichen Tiere sich bargen,
Ha, da schauderte allen vorm Argen,
Ahnend der Unterwelt nahenden Sieg.

Glühender; stiller werden die Winde,
Vögel verfliegen vom Neste geschwinde,
Säulen des Wassers wirbeln im Meer.
Rollende Donner von unten und oben,
Gegen die Flammen, die unter uns toben
Stiebet der Himmel in Blitzen sich leer.


Gärende Tiefe will neu sich erheben,
Unterwelt-Schatten durchstoßen im Beben
Lieblicher Auen blühenden Grund.
Jupiter schleudert vergeblich die Blitze
Von des dröhnenden Götterbergs Spitze
Nach des Vulkanes eröffnetem Schlund.


Weh, die Titanen sich wieder erkühnen,
Schon die feurigen Augen erschienen,
Schon der dampfende Atem sich hebt,
Schön wie ein Fruchtbaum im Herbste
zu schauen,
Doch den Früchten ist nimmer zu trauen,


Denn sie zerschmettern alles, was lebt.

Sehet, die Zähne im geifernden Munde
Reißen dem Berge die berstende Wunde,
Lange verschlossen die glühende Wut.
Sehet, der Atem der Riesen entbrennet,
Zündend mit bläulicher Flamme, hinrennet

Wider der Menschen kämpfenden Mut.


Könnten sie dräuend die Glieder noch regen,
Kämpfend die Brust entgegen ihm legen,
Fühlten sie rächend dies Leiden nicht ganz.
Aber in glühenden Armen sie schwinden,
Mutige Augen im Schauen erblinden,


Flammend verrinnet begeisternder Glanz.

Erde und Himmel zusammen sich brennen,
Chaos, das alte, will keinen erkennen,
Wehe dem Besten, der alles das sieht.
Jeglicher glaubt sich geblendet der letzte,
Ehe die strömende Lava sich setzte,

Wie sie da drohend hier nieder sich zieht! –

Doch da stehet der Glutstrom gebannet,
Langsam sich jeder vom Schrecken ermannet,
Suchet und findet das eigene Haus,
Forschet und findet die Seinen entzücket,
Wie sie dem Feinde alle entrücket,

Alle erkennen ein Wunder im Graus.

Leiser ertönt der siegende Himmel,
Ziehet zum Berge der Wolken Getümmel,
Ströme zum alten Bette zurück,
Kühlende Blitze durchspielen die Ferne,
Einzeln entzünden sich wieder die Sterne


Wie der Versöhneten liebender Blick.

Luna, die ziehet im glänzenden Wagen,
Schauet verwundert die Freuden und Klagen,
Leuchtet, beleuchtend das Wallen der Welt,
Daß die Verirrten die Straßen erkennen
Und die Verwirrten sich freudig anrennen… „

Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Bettina von Arnim: Sämtliche Werke Bd. 7. Gespräche mit Dämonen. Gedichte, Märchen, Briefe. Berlin 1922. S. 307 ff.

Colin J. Humphreys: Und der Dornbusch brannte doch. Ein Naturwissenschaftler erklärt die Wunderberichte der Biblel. Gütersloh 2007.

Reiner Tetzner/Elmar Schenkel (Hrsg.): Im Zeichen der Feuerberge. Vulkane in Mythos und Literatur. Leipzig 2010.

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