Go East 2.0 -Tibetische Horizonte: Shangri-La und Shambhala

Shangri-La ruft

An Bord eines Schiffes ein rätselhafter Mensch, der sein Gedächtnis verloren hat. Ein Neurologe interessiert sich für sein Schicksal: woher kommt er, was ist mit ihm geschehen, kann man seine Erinnerungen zurückholen? Eines Tages spielt der Mann ohne Gedächtnis, Conway heißt er, Chopin am Klavier und nun kehren allmählich die Erinnerungen zurück; er beginnt zu erzählen. Eine lange Geschichte tut sich auf: Ein Flugzeug wird in Nordindien/Afghanistan entführt, an Bord vier Amerikaner und Briten, darunter eine Missionarin. Der Entführer ist allem Anschein nach ein Tibeter. Es kommt zu einem Crash auf einer unbekannten Hochebene des Himalayas. Die vier überleben und machen sich auf den Weg, zu einer Siedlung zu finden. Nach vielen Strapazen kommen ihnen Menschen entgegen und nehmen sie mit in eine abgelegene Klosterwelt. Der Jüngste möchte so schnell wie möglich wieder in die Zivilisation zurück. Die Missionarin sieht hier eine Chance für den Glauben und Konversionen und vertieft sich zu besserem Verständnis in die Kultur und Sprache des Landes. Conway lernt den Lama kennen, die Mönche, die Bibliothek, die die wichtigsten Werke der europäischen Philosophie und Literatur, Werke Asiens und des Westens in vielen Sprachen sowie unveröffentlichte Kompositionen von Chopin enthält, und dies mitten in der einsamen Bergwelt Tibets.

Allmählich wird ihm klar, dass die Einsiedler und ihr Abt uralte Europäer sind, die schon vor langer Zeit hier angekommen sind. Einer kannte noch viktorianische Autoren persönlich, ein anderer Chopin. Der Lama muss irgendwann vor der französischen Revolution geboren sein, er ist selbst Franzose. Eine Insel der glücklichen Alten, eine Enklave der Langlebigkeit? Man will Conway halten, denn er soll das Kloster in eine neue Zeit führen. Doch die Liebesgeschichte eines der Begleiter macht einen Strich durch diese Rechnung. Am Ende reisen alle wieder ab und so bleibt nur der Fetzen Erinnerung an eine merkwürdige Episode im Leben, als die Ewigkeit an der Tür klingelte: Erinnerung an eine überirdische Landschaft mit halb übernatürlichen Wesen, irgendwo versteckt vor der Geschichte, geführt von Weisen, die die Mäßigung in allem pflegen und dadurch unendlich alt sind. Eine multikulturelle Gesellschaft zudem, in dem alle Glaubensformen anerkannt sind und praktiziert werden dürfen. Während in Europa und Asien ein Weltkrieg tobt, lebt man hier in einem utopischen Paradies, dem Shangri-La.

Soweit der erfolgreich verfilmte Weltbestseller Lost Horizon (dt. Irgendwo in Tibet, 1934) des Briten James Hilton. Als Musical und Filmmusical zwischen 1956 und 1973 gelangen auch kitschige Varianten als zuckersüße Euro- und Amerikanozentrik, die sich als Nachkriegsromantik verkaufen ließ. Die Unzugänglichkeit des Kunlun-Tals und Zivilisationsferne sind die entscheidenden Kategorien, die das Publikum in das Buch und ins Kino lockten, verbunden mit den Geheimnissen Tibets. Bis heute gibt es einen Shangri-La-Tourismus, „bei dem mehrere Orte im Südwesten Chinas, weitab vom Kunlun, um die Ehre wetteifern, das echte Shangri-La zu sein. Wenn dort jemals ein Leser Hiltons hinfahren sollte, könnte er nur seufzen: Das habe ich mir aber alles ganz anders vorgestellt.“ (Zimmer 237).

Shangri-La heißt auf Tibetisch soviel wie ‚Bergpass‘, aber dieser Bergpass hat es in sich. Der Name zieht magnetisch die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen auf einen Punkt zusammen, so imaginär dieser sein mag. Er besteht allerdings nicht nur in westlichen Phantasien, sondern hat schon die chinesische Poesie in der Frühzeit beflügelt. Tao Yuanming, ein Dichter der Jin-Dynastie (365-427 n. Chr.), hat in seiner Fabel „Pfirsichblütenquelle“ ein Land erträumt, in dem langlebige Leute wohnen, denen es dort äußerst gut geht. Ein Fischer wird zufällig in das Land der Pfirsichblüte hineingeworfen und hat nach seiner Rückkehr viel zu berichten. Aber den Zugang zu diesem Land findet danach niemand mehr. Ähnliche Phantasien gibt es weltweit – so in der rumänischen und irischen Folklore (Elfenwelt) oder in dem japanischen Märchen von Urashima Taro und der mittelalterlichen Legende des Mönchs von Heisterbach. Einzelne verschwinden in eine andere Welt, in der sie eine glückliche Zeit außerhalb der Menschenzeit verbringen. Es sind Phantasien gegen die Todesangst, aber sie dienen auch der Kompensation für ein schlechtes, schwieriges Leben im Diesseits, und man wird sie gerade in kritischen Perioden der Geschichte antreffen. Der Erfolg von Hiltons Roman etwa hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun und der schwierigen Zeit danach. Das magische Wort „Tibet“ konnte im besetzten Frankreich einen magischen Fluchtreflex in der Phantasie ebenso auslösen wie in einem spanischen Konzentrationslager. Ein Häftling stellte sich vor, auf einer Wolke nach Tibet zu reiten und dem ganzen Inferno von Krieg und Konzentrationslager zu entkommen, auf der Suche nach dem utopischen Ort im Himalaya, wo Glück und Weisheit herrschen (Bishop 211f.).

Aber so imaginär die Legende sein mag, so wirksam strahlt sie doch auf die Realität zurück. Ein handgreifliches Beispiel: In Yunan im Südwesten Chinas hat sich die Stadt Zhongdian 2001 in Shangri-La / Xianggelila umbenannt, um mit der Unsterblichkeit Touristen anzulocken. Shangri-La vermischt sich mit einem weiteren magischen Ort, Shambhala. Im 17. Jahrhundert hörte ein portugiesischer Jesuit namens Cacella von Xembala. Er hielt es für Cathay, wie China damals hieß, und machte sich auf den Weg. Er erreichte das tibetische Kloster Tashi Lunpo, bemerkte seinen Fehler und kehrte um. Die Theosophen sahen in Shambhala einen geheiligten Ort im Himalaya, von dem aus die Mahatmas die Welt spirituell lenkten und etwa Briefe an Madame Blavatsky in Indien schrieben. Er muss nicht geografisch lokalisierbar sein, denn man kann es auch als ein außersinnliches, geistiges Zentrum in einer anderen Dimension.

Russische Sucher unterwegs nach Shambhala: Nikolai und Helena Roerich

Auf meinen Reisen in Russland stieß ich immer wieder auf die Bilder von Nikolai Roerich, ob in einem Keller der Universität von Ekaterinburg, im Museum von Nishni Novgorod oder in Moskau, wo ihm (wie in New York) ein eigenes Museum gewidmet ist. Gorbatschow soll vor seinen Gemälden gestanden und gesagt haben, dass man als anderer Mensch von ihnen weggehe. Als man 1961 den sowjetischen Kosmonauten Gagarin fragte, wie denn die Erde vom Weltraum aus erscheine, antwortete er, sie erinnere ihn an die Bilder von Roerich (Dutta/Robinson 225). Auch H. P. Lovecraft bezieht sich auf Roerichs Gemälde in seiner Horrorgeschichte At the Mountains of Madness (1931), in der eine sagenhaft große Gebirgsgruppe entdeckt wird. Beide eint die Faszination für das Uralte, die Ruinen der Frühzeit und geheime Korrespondenzen.

Bei Roerichs Bildern taucht man in einen historisch-kosmischen Maelstrom ein: Bergspitzen im Himalaya, Klöster, unendliche Horizonte, die in der Bläue des Himmels ertrinken, mysteriöses Leuchten in Höhlen, einsame Asketen, Eremiten, Yogis in den Bergen, eine Begegnung zwischen Buddha und Christus, heilige Steine und Felsen, meist in leuchtenden Farben wie aus einer anderen Welt destilliert. Aber auch Bilder aus der russischen Geschichte und Mythologie, von den Warägern bis zu den Tataren, slawische Mythen und Rituale, die Flüsse, auf denen die nordischen Rus farbenstark ins neue Land segeln, russische Mönche und orthodoxe Heilige.

Roerich selbst hatte tatarische und baltische Vorfahren. Nikolai Roerich (1874-1947), in St. Petersburg aufgewachsen und Gymnasiast am dortigen Karl-May-Gymnasium, wurde früh als malerisches Talent entdeckt. Er malte die Bühnenbilder für Diaghilevs Ballets Russes und für Strawinskys Sacre du printemps, jenes 1913 die Welt elektrisierende und skandalisierende Ballett, in dem alte slawische Fruchtbarkeitskulte und Mythen herausgetrommelt werden. Solch Archaismus passte sehr gut in das Lebensschema des Malers, der sich später zu einem Forschungsreisenden und Archäologen in Asien entwickeln würde, aber auch zu einem Phantasten, der der Idee eines buddhistisch regierten Großasien anhing.

Inmitten dieses künftigen Reiches, dessen Ankunft durch entsprechende Aktivitäten vorbereitet werden muss, liegt Shambhala. Der König von Shambhala lebt in einem unterirdischen Reich und wird eines Tages nach einer großen Schlacht, die aufgrund von tibetischen Prophezeiungen um 2424 stattfinden wird, ein neues Friedensreich auf Erden errichten. Die Schlacht soll im Altai am Katun stattfinden. Roerich neigt zu apokalyptisch-messianischen Weltmodellen, seine Bücher und Bilder vermitteln diesen Sinn für das Ende der Welt, das gleichzeitig ein Hereinbrechen neuer Wirklichkeiten bedeutet. Shambhala ist das immer wieder zitierte Zentrum dieser Weltanschauung, die sich auch bei Ossendowski oder dem Baron von Ungern-Sternberg findet. Ein fortwährendes Hintergrundraunen ist das Kennzeichen, das gerne von apokalyptischen Sekten, Rechtsradikalen und kommunistischen Visionären übernommen wird.

Als Roerich auf seinen asiatischen Expeditionen, die teils von den Bolschewiken, teils von amerikanischer Seite unterstützt wurden, den Mongolen Bilder von den Wolkenkratzern New Yorks zeigte, riefen sie spontan aus: Das ist ja Shambhala! (Roerich 52) Darin sah der Maler, der zu großen Allegorien neigte, die Verbindung zwischen den Kontinenten Amerika und Ostasien bestätigt. Zunächst war es Russland, dem nach seiner Meinung die führende Rolle in Asien zukam. Besser: es war die Meinung jener sagenhaften Meister im Himalaya, die ihm über seine medial begabte Frau Helena Botschaften sandten, ähnlich wie eine Generation zuvor der Madame Blavatsky (deren englisch geschriebenes Hauptwerk sie ins Russische übersetzte).

Es war auch Helena (1879-1955), die Roerich auf den Pfad des Okkultismus brachte und eine eigene Form des Yoga, das Agni Yoga, lehrte. Sie selbst ging mit ihm und den Söhnen auf schier endlose Expeditionen, wobei man oft tausende von Kilometern durch Wüsten, Schluchten und über schwierigste Bergpässe bewältigte. Nikolai Roerich erkannte ihre große Unterstützung und ihren Anteil an seinen Werken oft an: Schöpfungen sollten immer zwei Namen haben – einen weiblichen und einen männlichen (Knizhnik 5). Helena schrieb zahlreiche Bücher über ihre Erfahrungen mit Esoterik, Yoga und Asien. Mit Roerich gründete sie in New York das Internationale Kunstzentrum „Corona Mundi“, das eine Verbindung zwischen Künstlern weltweit herstellen sollte. Ähnlich wie russische Philosophen (Tsiolkovsky, Vernadsky, Florensky), aber auch wie Aurobindo und Mutter (Mother) bettet sie den Menschen in die kosmische Evolution ein. Eine Rede über den Menschen ohne diese kosmische Verwurzelung und ohne den Gedanken einer Entwicklung war ihr zutiefst materialistisch und zuwider. Das Universum sahen beide als zugleich innerlich wie äußerlich, als großartiges Spektrum von Energien und Bewusstseinsformen. Helena Roerich entwickelte aus diesem evolutionären Gedanken eine Philosophie der Verantwortung des Menschen für sein kosmisches Erbe. Dabei versuchte sie, ihre eigene Erfahrung, eine Art Erleuchtung durch Feuer (Agni), wissenschaftlich umzusetzen durch die Gründung von interdisziplinären Forschungsgruppen, die sich mit der feinstofflichen Struktur der Welt und des Bewusstseins auseinandersetzen würden. Man mag zu all diesen Projekten stehen, wie man will, aber die Gefährten legten eine ungeheure Energie an den Tag, die sich in Expeditionen und schöpferischen Werken, in Bildern und Veröffentlichungen niederschlug.

Als die russische Revolution ausbrach, war Roerich klar antikommunistisch eingestellt. Sie zogen in den 1920ern in die USA, wo sich seine politische Einstellung änderte. Die Sowjetunion schien ihm zunehmend kompatibel zu werden mit dem Buddhismus. So erhielt er vom russischen Geheimdienst Unterstützung bei seiner großen asiatischen Expedition von 1924-28, die ihn von Indien über Sikkim und die Mongolei nach Tibet führte. Offiziell wollte er alte Migrationsströme zwischen China und Zentralasien erforschen. Doch die Geheimdienste der Briten und Amerikaner spitzten die Ohren und behielten ihn auf ihrem Schirm. Im Grunde ging es ihm aber um etwas, das sie kaum verstanden: die Suche nach dem geheimnisvollen Shambhala. Unterstützung nahm er an, von wem er konnte. In einem Kloster verrieten ihm tibetische Mönche anhand bestimmter Anzeichen (wie dem Muttermal auf der rechten Wange), dass er die Reinkarnation des 5. Lamas sei. Die Botschaft nahm er gerne mit. Der zweite Teil seines Reiseberichts Heart of Asia (1929) ist eine einzige Hymne auf Shambhala, eine Sammlung von Prophezeiungen und Erleuchtungen, von Omen und Orakeln am Wegesrand.

Die Roerichs ließen sich schließlich im nordindischen Kullu nieder. In Indien werden sie bis heute verehrt. Jawarharlal Nehru und seine Tochter Indira Gandhi besuchten sie und verbrachten anregende Tage bei ihnen. Von beiden fertigte Roerichs Sohn Svetoslav, der ebenfalls ein bekannter Maler wurde, Porträts an, die heute im Parlamentsgebäude von Delhi hängen. Svetoslav war auch den Ideen von Sri Aurobindo verbunden. Er heiratete die Großnichte von Rabindranath Tagore, Devika Rani, ihrerseits eine der berühmtesten indischen Filmschauspielerinnen und Bollywood-Pionierin.

Nikolai Roerich wurde mehrmals für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, unter anderem von der Sorbonne. 1935 kam eine Initiative Roerichs zum Abschluss: die Unterzeichnung des sogenannten Roerich-Paktes in Washington. Die USA und eine Reihe lateinamerikanischer Staaten verpflichteten sich darin, Kulturgut in Kriegszeiten zu schützen und zu verschonen. Der Vertrag sieht die Neutralität von Denkmälern, kulturellen Einrichtungen, Museen, Kirchen usw. im Kriegsfall vor, ähnlich wie die medizinische Versorgung. Symbolisch dargestellt wird der Pakt mit einem roten Kreis und drei roten Kreisflächen darin; sie stehen für die drei Errungenschaften der Menschheit: Kunst, Wissenschaft und Religion. Das Symbol ist archaisch, er hat es auf seinen zahlreichen asiatischen Reisen immer wieder gesehen (zumindest die drei Kreise); aber es ist ihm auch zukunftweisend zu sein – gleichsam der Fußabdruck von Shambhala.

Bolschewiken und Faschisten unterwegs nach Shambhala

Tibet war für den Westen lange eines der letzten unerforschten Gebiet der Erde. Marco Polo berichtete über die Provinz Tebet, sie sei bekannt für ihre Räuber und Sterndeuter. Ihre Zauberer könnten das Wetter beeinflussen, und er wolle lieber nicht weiter von ihren Künsten reden, da einem sonst das Hören und Sehen vergehen könnten. Die Nähe zum Himmel, die Entlegenheit, die uralten Traditionen eines Buddhismus, der sich mit dem Schamanismus verbindet, haben die Europäer spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts angelockt. Wenn um 1895 offiziell (nach Frederick Jackson Turner) die Grenzen der Erde erreicht zu sein schienen, so boten sich doch auf der Vertikale neue Räume an, ob in der Tiefsee oder auf dem Hochplateau des Himalaya, ob in Phantasien über das untergegangene Atlantis oder einer unterirdischen Stadt in Zentralasien. Tibet scheint so etwas wie der Heilige Gral der Okkultisten dieser Zeit um 1900 geworden zu sein, wobei sich die Suche danach meist vermischt mit imperialen Ansprüchen. The Great Game, von Kipling in seinem Roman Kim (1901) besungen, war Ausdruck eines Kampfes zwischen den Mächten und Geheimdiensten Großbritanniens und Russlands, die sich um das Innere Asiens stritten.

Bolschewisten wie Faschisten nehmen sich da wenig. Gleb Boki, einer der führenden Köpfe hinter dem Roten Terror von 1918, und später leitend tätig im Geheimdienst, war nicht für sein Interesse am Okkultismus bekannt. Er führte zahlreiche Massenhinrichtungen durch und gründete das erste Konzentrationslager auf den Solowezky-Inseln im Weißen Meer. Alexander Solschenizyn berichtet über ihn im Archipel Gulag. 1937 ließ Stalin ihn wie so viele Altkommunisten hinrichten. In den Jahren zuvor muss Boki jedoch durch seinen Freund Bartschenko, einen Autor okkulter Romane und Betreiber eines Labors für Bewusstseinsexperimente, zur Esoterik gekommen sein. Er studierte mit Bartschenko tibetischen Buddhismus, Tantrismus und Yoga. Im Labor entwickelte man Gifte zur mentalen Beeinflussung bei Verhören und Folterungen. Und man beschäftigte sich mit okkulten Techniken der Telepathie und Gedankenbeeinflussung. Tscheka und Theosophie gingen hier Hand in Hand. Eine geplante Expedition nach Tibet wurde jedoch von anderer Seite verhindert.

In Deutschland wiederum war es Heinrich Himmlers „Arier-Tümelei“ (Meier-Hüsing), der eine Expedition nach Tibet beförderte. Himmler war der Esoterik verschworen. Er kannte auch die Reiseberichte von Alexandra David-Néel, Ossendowski und anderen. Tibet hatte einen speziellen Platz in seiner wirren Kosmologie; zugleich konnte es im Krieg ablenken von anstehenden Problemen (Greve 104f.). Im SS-Ahnenerbe gab es eine Forschungsstätte für Innerasien (1943 in Sven Hedin-Institut umbenannt), die der Rolle Tibets im asiatischen Gefüge nachgehen sollte. Durch sie wurden auch die Expeditionen finanziert. Nicht alle Nazis waren sich einig, dass nur Gutes aus Tibet käme. Alfred Rosenberg etwa warnte vor den teuflischen Sexualkulten des Tantrismus in Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Sein Stichwortgeber war der Tibetologe und Katholik Albert Grünwedel, der bei seiner Beschäftigung mit tibetisch-buddhistischer Malerei einen Schock erlitten hatte. Er verglich die „blasphemischen Inhalte“ dieser Kunst mit den ‚entarteten‘ europäischen Stilen wie Expressionismus, Surrealismus oder Dadaismus (ebd. 111). Ähnlich stritt man sich ja auch in der Nazizeit um Yoga; erinnert sei an die rechtsextreme Magarete Ludendorff, die Frau des Generals Ludendorff, die als Ärztin in okkulten Lehren und Yoga eine Form des „induzierten Irrsinns“ sah.  

Völkische Esoteriker glaubten mit den Theosophen und Ariosophen daran, dass die Arier als fünfte Unterrasse (so Blavatsky) aus Shambhala ausgewandert seien. Zudem waren manche Theosophen davon überzeugt, dass sich unter Tibet ein umfassendes Höhlensystem befand, dass von Dämonen und Monstern bewohnt war. Man las Ossendowskis Buch, in dem er über das unterirdische Reich in der Mongolei oder Tibet fabulierte – eine Erfindung übrigens des Franzosen Alexandre Saint-Yves d’Alveydre (1842-1909). Der hatte einen sogenannten Archäometer entwickelt, eine Farbtafel, mit der man die Korrespondenzen zwischen Sternen, Klängen, Gerüche, Buchstaben ausrechnen kann. Das Gerät kam übrigens in die Hände Bartschenkos. Der Esoteriker René Guénon, auch ein Anhänger der Agartha-Lehre, nahm viele Ideen für seine eigenen Doktrin von dem französischen Landsmann auf. Es gibt also so etwas wie eine okkulte Internationale (vgl. Sedgwick). Sie wird sichtbar an Figuren, die besonders beweglich sind, wie etwa G.I. Gurdjieff, der zwischen Ost und West, zwischen Lhasa und Paris zu changieren schien, auch wenn vieles davon Legende sein mag.

Himmler jedenfalls hing vielen abstrusen Lehren an, die Welteislehre des Hanns Hörbiger sei hier nur erwähnt. 1934 trat ein aufstrebender Autor, Zoologiestudent und Jäger in die SS ein, sein Name war Ernst Schäfer (1910-1992). Nach einer ersten Tibetreise mit 21 hatte er ein Buch über die Jagd in Tibet verfasst; es brachte ihm die Aufmerksamkeit bei den Nazis ein. 1936 lud ihn Himmler zu einem Gespräch ein, in dem er ihm darlegte, der nordische Mensch sei beim „letzten tertiären Mondeinbruch direkt vom Himmel gefallen“, wie Schäfer erstaunt vernahm. Er fühlte sich in ein heidnisches Kloster versetzt, als Himmler fortfuhr, von den Zeugen der Atlantis-Kultur in Peru oder in Tibet zu reden, „und natürlich in Japan, dort, wo die behaarten Ainus leben, dieses seltsame hellhäutige Volk, das auch als Relikt der germanischen Rasse betrachtet werden muss“ (zit. in Meier-Hüsing 50f.). Himmler, der Vernichter und Massenmörder, gleichzeitig Hexenforscher, Pendelschwinger, Homöopath: das war etwas viel für den pragmatischen, auf Nutzen bedachten Schäfer. Immerhin, seine Expedition wurde ihm finanziert mit Hilfe des Ahnenerbe. Während er sich um seltene Vogelarten und Flora kümmerte, wollte der Kollege Bruno Beger tibetische Schädel ausmessen, in der Hoffnung, auf arische Maße zu kommen. Daraus wurde beinah gar nichts, denn die Tibeter mochten sich nicht ausmessen lassen; das arische Erbe, Shambhala und andere Urzeitgeheimnisse waren ihnen egal. Schäfer und sein Team brachten Tausende von Vogelbälgen und Vogeleiern zurück, dazu Schädel und Felle von Tieren, Insekten und Mineralien; auf vielen Metern Filmrolle dokumentierten sie die Expedition. Der tibetische Regent gab Schäfer einen Brief an „den deutschen König“ Hitler mit, dazu einen wertvollen Seidenschal, eine chinesische Teetasse und einen tibetischen Hund. Der Hund war sehr bissig und kam nie in Deutschland an; auch erhielt Hitler nie den Brief des Regenten (ebd. 155). Nach Stalingrad (1943) verloren die Nazis das Interesse an den Aktivitäten des Sven Hedin-Instituts. Schäfer versuchte sich an der Züchtung winterharter Gerste und mongolischer Steppenpferde, um seinen Beitrag zum Krieg zu leisten (Greve 112).

Bruno Beger wurde nach Auschwitz bestellt, um dort seine Messungen an KZ-Häftlingen weiterzuführen und Schäfer fand das wohl ganz nützlich. Er selbst konnte sich nach dem Krieg und nach Internierung durch die Amerikaner eine Professur in Venezuela verschaffen, bevor er in den 1960ern Kustos am Niedersächsischen Landesmuseum wurde. Die Nachkriegstibetologie in beiden deutschen Staaten wurde maßgeblich geprägt von ehemaligen Mitgliedern des Sven Hedin-Instituts. (ebd.)

Wenige Jahre nach der Abreise der Deutschen aus Lhasa erreichte der österreichische Bergsteiger und Skisportler Heinrich Harrer (Sieben Jahre in Tibet, 1952) nach einer Aufsehen erregenden Flucht aus einem britischen Internierungslager in Indien die tibetische Hauptstadt Lhasa. Wie erstaunt war der damalige Nationalsozialist, als er in einigen Häusern deutsche Lieder vernahm: Es waren die klanglichen Überbleibsel der deftigen Trinkgesellschaften Schäfers und seiner Kumpanen, bei denen Volkslieder zum Besten gegeben wurden, darunter auch ein zackiges „Zicke Zacke, hoi hoi hoi.“ (ebd. 155)

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweise:

Bishop, Peter. The Sacred Myth of Shangri-La. Tibet, Travel Writing and the Western Creation of Sacred Landscape. New Delhi: Adarsh 2000.

Dutta, Krishna und Andrew Robinson. Rabindranath Tagore. The myriad-minded man. New Delhi: Rupa 2000.

Greve, Reinhard. “Das Tibet-Bild im Nationalsozialismus“. In Thierry Dodin/ Heinz Räther, Hrsg. Mythos Tibet. Wahrnehmungen, Projektionen, Phantasien. Köln: Dumont 1997, 104-113.

Knizhnik, T.O. Helena Roerich. Moskau: International Centre of the Roerichs 2013.

Meier-Hüsing, Peter. Nazis in Tibet. Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer. Darmstadt: Theiss 2017.

Roerich, Nicholas. Heart of Asia. Memoirs from the Himalayas. Rochester/Vermont: Inner Traditions International 1990.

Sedgwick, Mark. Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century. Oxford: Oxford University Press 2004.

Waldenfels, Ernst von. Nikolai Roerich. Kunst, Macht und Okkultismus. Berlin: Osburg 2011.

Zimmer, Dieter E. Nabokov reist im Traum in das Innere Asiens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006.


Internetquellen:

Zu Roerich/Shambhala

https://en.wikipedia.org/wiki/Nicholas_Roerich

https://en.wikipedia.org/wiki/Shambhala

Zugriff 28.7. 2020

Zu Ludendorff:

https://wiki.yoga-vidya.de/Mathilde_Ludendorff#Mathilde_Ludendorff_und_Yoga

Zugriff 28.7. 2020


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .