„This is your universe, Frankenstein!“ – Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Wir haben den Roman vorgestellt. Wir haben Mensch und Monster untersucht. Nun begeben wir uns anlässlich des Frankenstein-Jahres 2018 ins Londoner Royal National Theatre.

Theater mit Geschöpf und Schöpfer

Stille. Dunkelheit. Plötzlich zerreißen Blitz und Donnerschlag das angespannte Nichts.

Eine Apparatur mit einer Art Kokon, darin ein großer Fötus. Erneutes Wetterleuchten, erneuter Donner. Der Fötus bewegt sich. Ein Unwetter wütet. Der Blitz schlägt in die Apparatur des Grauens ein und bringt schließlich das Herz des übergroßen Ungeborenen zum Schlagen. Die Membran reißt. Der Vogel kämpft sich aus dem Ei, sprich, das Wesen ohne Namen sich auf die Welt. Der Zuschauer wird zum Zeugen einer Geburt. Es ist auch hier eine schmerzhafte Geburt, mit Blut, Schleim und Schrei. Da liegt es, das Neugeborene. Gleich einem Säugling schreit es, strampelt, erschrickt vor grellem Licht und lauten Geräuschen. Es windet sich, kriecht, kommt schließlich auf die Beine und läuft ungelenk umher. Frankensteins Kreatur. Der Wissenschaftler hatte in nächtelanger, geheimer Forschungsarbeit aus Leichenteilen einen neuen Körper zusammengesetzt und dann vorübergehend sein Labor verlassen. Als er nach einiger Zeit zurückkehrt und „seine“ zum Leben erwachte Kreatur vorfindet, erschrickt er bis ins Mark. Was er so lange ersehnte, nämlich tote Materie zum Leben erwecken zu können, ist ihm letztendlich gelungen. Doch welch grauenvollen Anblick bietet dieses Wesen! Voller Narben, Rotz und Schmutz, guttural lallend und stammelnd, denn noch hat ihm niemand das Sprechen gelehrt. Frankenstein flieht voller Abscheu, nicht ohne sein Werk zu verdammen: „What have I done?“

Auf sich allein gestellt, verlassen von seinem „Vater“, irrt die Kreatur durch die Straßen. Menschen erschrecken sich vor ihm, schlagen, beschimpfen und verfluchen es. Es rettet sich in die Wildnis, entdeckt voller Staunen die Wunder der Natur und findet schließlich Unterschlupf in einer Kate von Bauersleuten, wo ihm ein blinder alter Mann Sprache, Denken und Lesen beibringt. Das Wesen fasst Vertrauen, jedoch wird dieses letztendlich bitter enttäuscht – als es sich dem Sohn und der Schwiergertochter schließlich zeigt, reagieren diese ebenfalls mit Abscheu, Prügel und Schmähungen. „Das Monster“ rächt sich auf grauenhafte Weise – es brennt die Hütte mitsamt den Bewohnern nieder.

Hierbei offenbar sich zum ersten Mal die grausame Wesensseite des zunächst nur Mitleid erregenden Geschöpfes. Von nun an wird er über Leichen gehen, um seine Ziele zu erreichen. Es tötet Frankensteins kleinen Bruder, um den Forscher zu sich zu locken und diesen um eine Gefährtin zu bitten. Der Plan scheint zunächst Früchte zu tragen – der Forscher „baut“ ein weibliches Wesen, erschrickt dann jedoch erneut vor dem blasphemischen Ergebnis seines Tuns und zerstört dieses schließlich wieder. Die Rache seines „Sohnes“ wird furchtbar sein.

Star-Regisseur Danny Boyle (u.a. „Trainspotting“, „Slumdog Millionaire“) und Autor Nick Dear erzählen im bereits 2011 aufgeführten Theatererfolg „Frankenstein“ nach dem gleichnamigen Roman von Mary Wollestonecraft Shelley die tragische Geschichte um Schöpfung, Hybris, Liebe, Verzweiflung und Tod aus der Sicht der Kreatur. Mit den beiden Sherlock-Holmes-Darstellern Benedict Cumberbatch („Sherlock“) und Jonny Lee Miller („Elementary“) werden der berüchtigte Wissenschaftler und das von ihm erschaffene Wesen auf außergewöhnlich prägnante und brillante Weise verkörpert. Der Clou: Die beiden Darsteller wechseln sich in der Besetzung der Hauptrollen ab. Dabei gelingt es beiden, der entsprechenden Figur mit ihren inneren Kämpfen, ihren Ängsten, ihrem Hass und ihrer Verzweiflung auf faszinierende und unvergessliche Weise Ausdruck zu verleihen.

Der besagte Rollentausch ist zudem hervorragend geeignet, die Dualität der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf zu aufzuzeigen. Jene wird auch bereits im Theaterplakat vorweggenommen: Sowohl Cumberbatch als auch Miller tragen jeweils zur Hälfte die Züge Frankensteins und der Kreatur.

Schon im Einstudieren der Rollen profitierten beide Darsteller von ihrer jeweils eigenen differenzierten Annäherung an die zu verkörpernde Figur; sie inspirierten sich wechselseitig, was der Tiefe ihres bewegenden Spiel sehr zugute kommt.

„They feed off each other, they are challenging each other the whole time“, erklärt Regisseur Danny Boyle, „and of course that is a mirror oft the relationship between Victor  and the Creature.“

Besagte Dualität – Schöpfer vs. Geschöpf, Vater vs. Sohn, Herr vs. Sklave zeigt sich in eindrucksvollen Szenen, etwa, wenn die Kreatur den Wissenschaftler fragt, warum er sie nicht liebt, sondern stattdessen verlassen und dem Hohn und Hass der feindlichen Umwelt überlassen habe. Dabei sieht sich das Wesen nicht als eine Art „Adam“, auf den sein Erschaffer stolz ist (was der Forscher allerdings gleichwohl ist, denn die körperliche Kraft und – wenn auch grobschlächtige – Gestalt seines Geschöpfes faszinieren ihn). Im Gegenteil, Satan sei derjenige, mit dem er sympathisiere, denn dieser sei schließlich der gefallene Engel, der gegen seinen Schöpfer rebelliert hat und deswegen von diesem verstoßen wurde.

Frankenstein hingegen sieht die Kreatur lediglich als faszinierendes Produkt seiner Experimente, spricht ihm jedoch jegliches Recht auf Zuwendung und Gesellschaft ab. Ein belebter Haufen Fleisch sei er, ein Nichts. In seinem Hochmut, verbunden mit jeglichem Mangel an Empathie, kann der Wissenschaftler den Wunsch des Wesens nach Liebe in keiner Weise nachvollziehen.

Dennoch sind und bleiben Frankenstein und sein Geschöpf untrennbar miteinander verbunden. Der „Sohn“ tötet Bruder und Verlobte des Forschers und schwört diesem, seinem „Vater“ ewige Verfolgung. Er werde sein Herz verwüsten, schwört er.

Am Ende sind beide schließlich in der Arktis angelangt; unterwegs versagen Frankensteins Kräfte. Es gehört zu den bewegendsten Momenten des Stückes, wenn der Sohn seinen dem Tode nahen Vater in den Armen hält, diesem Wein einflößt und ihn bittet, nicht zu sterben, denn dann sei er ganz verlassen. Im Unterschied zur Romanvorlage bleibt der Forscher am Leben und beide ziehen dem Nordpol entgegen, in ewiger Hassliebe verbunden.

Indem die beiden grandiosen Hauptdarsteller sich in der Verkörperung der jeweiligen Rolle abwechseln, kreieren sie sich bei jeder Vorführung wechselseitig neu, analog zu Frankenstein und seiner Kreatur.

„Frankenstein is creating life without women“, sagt Boyle. „The idea ist o bring two actors as close to that notion as possible. And how do you do that? In terms oft he performance, Frankenstein and the Creature literally create each other: every other night they reinhabit each other.“[1]

Das Theaterstück ist bislang leider noch nicht auf DVD erschienen, wurde und wird jedoch jeweils zu Halloween in ausgewählten Kinos gezeigt. Empfehlung: Reingehen und einen unvergesslichen Theater- bzw. Kinoabend erleben! Es lohnt sich!

Beitrag von Isabel Bendt


[1] Frankeinstein: Man or monster? The Guardian, 17. Jan. 2011

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