Von Nachtmahren und Traumgestalten

Da dieser Tage die Johannisnacht bzw. das Mittsommerfest wieder bevorstehen, möchte ich auf eine Leseserie hinweisen, die zwar während der Wintermonate in der Online-Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienen ist, aber dennoch eine jahreszeitenübergreifende Problematik aufgreift: Sie nennt sich „Besser schlafen“.

Der Mensch verschläft ein Drittel seines Lebens und das ist auch gut so. Wir brauchen den Schlaf zur körperlichen und seelischen Regeneration. Im Schlaf verarbeiten wir die Ereignisse des Tages, wir setzen uns mit Ängsten auseinander oder finden Lösungen für Probleme. Schlaf kann auch kreative Ideen freisetzen. Wenn wir schlecht schlafen, werden wir unausgeglichen, unsere Aufmerksamkeit ist herabgesetzt, wir sind müde, können uns schlechter konzentrieren und auch für unseren Körper bedeutet verminderter Schlaf (vor allem, wenn er anhaltend ist) Schwerstarbeit. Im schlimmsten Fall drohen Bluthochdruck, Herzinfarkte oder Depressionen. Die Liste der Krankheiten, die im Zusammenhang mit Schlafunregelmäßigkeiten auftreten, ist lang geworden. Allerdings gelten Schlaflosigkeit, schlechter Schlaf oder Probleme mit dem Einschlafen längst als Volkskrankheiten. Der Schlafzyklus jedes Menschen, ob wir also Eulen sind oder doch eher Lerchen, ist individuell. Und auch welche Einschlafrituale man wählt, um sich sprichwörtlich in Morpheus Arme gleiten zu lassen (aktuelle Studien empfehlen dafür u. a. den Verzehr von zwei reifen Kiwis), ist jedem von uns selbst überlassen. Allerdings gilt nach wie vor: der Schlaf ist (immer noch) an die Nacht gebunden. Wir brauchen also nicht nur den Schlaf, sondern auch die Dunkelheit zur Erholung.

Doch eben hier eröffnet sich ein grundlegendes Problem: Unsere Nächte sind seit den vergangenen zweihundert Jahren in einer grundlegenden Veränderung begriffen. Die Industrielle Revolution, besonders aber unsere schleichende Abhängigkeit von künstlich erzeugter Elektrizität, hat unsere Nächte in neue Tage verwandelt. Maschinen brauchen weder Schlaf noch unterscheiden sie zwischen hell und dunkel. Und wirft man aktuell einen nächtlichen Blick auf unseren Planeten, muss man die dunklen Orte, die die Nacht zur Nacht machen, fast schon suchen. Die Zivilisation produziert Lichtsmog, könnte das neue gesellschaftliche Credo lauten. Professor Paul Bogard von der Wakefield University in North Caroline spricht gar von „The End of Night“, einem Ende der Nacht, dem wir ausgesetzt sind.

Doch was hat es mit der Nacht eigentlich auf sich? Kommen wir dafür noch einmal auf den Schlaf zurück. Durch Experimente im Schlaflabor ist belegt, dass Menschen nicht kontinuierlich schlafen, sondern nachts unterschiedliche Schlafphasen durchlaufen, die sich in Intervallen von etwa 90 Minuten durchziehen. Das bedeutet, wir wachen zwischen diesen Phasen immer auf (was für unseren Körper und unsere Psyche als überlebenswichtig ist), wir bemerken es aber in den meisten Fällen nicht. In den Zeiten vor der großen Lichtrevolution war sich der Mensch dieser nächtlichen Schlaf- und Wachzyklen viel intensiver bewusst. So galt es als ganz normal, sich nach dem Einbruch der Dunkelheit schlafen zu legen, zur Mitternacht oder danach zu erwachen, zu essen, den Leidenschaften zu frönen, Gebete zu verrichten, das Herdfeuer zu schüren, damit dieses nicht erlischt, zu lesen, zu schreiben und sich danach wieder schlafen zu legen. Wie sehr der Mensch auf Licht und Dunkel reagiert bzw. von beiden abhängig ist, wird uns am ehesten an den Lichtwechseln der Jahreszeiten bewusst. Laue Sommernächte assoziieren wir dabei mit Schwärmerei, Leichtigkeit, Sexualität und Mystik wie es William Shakespeare in seinem Sommernachtstraum nicht schöner hätte auf die Theaterbühne bringen können. Lange Winternächte hingegen werden häufig mit Melancholie und Schwermut in Verbindung gebracht.

In der katholischen Kirche gilt seit dem frühen Mittelalter eine feste Abfolge von Stundengebeten, die sich über Tag und Nacht verteilten. Man beginnt mit den Vigilien (Vigil = lat. Wache) am Ausgang der Nacht bzw. am frühen Morgen, die in der Osternacht (dem höchsten christlichen Fest) auch als Nachtwache gehalten werden. Bei Tagesanbruch folgen die Laudes (morgendlichen Lobgesänge), meist zwischen 6 und 8 Uhr morgens, danach die so genannten Horen (Prim, Terz, Sext, Non) jeweils zur dritten Stunde des Tages (9 Uhr, 12 Uhr, 15 Uhr, 18 Uhr), wobei 18 Uhr (also die Non) auch als Vesper bekannt ist. Mit ihr endet die Arbeit des Tages. Zum Abschluss folgt noch das Komplet (das Nachtgebet), das den Ausgang des Tages beschließt.

Diese Regelung der Einteilung der Tage und Nächte war freilich vor allem in den Klöstern verbindlich. Doch sie verdeutlicht, dass die Nacht im Schlaf-Wachrhythmus der Menschen prinzipiell eingebunden gewesen ist, man kann auch sagen, eingebunden sein musste, denn im Gegensatz zu unseren heutigen hellen Nächten, wurde die Nacht früher nicht nur als dunkel oder finster gegriffen. Der biologische Aufbau der menschlichen Augen erlaubt es nicht, uns in der Nacht so zu bewegen bzw. unseren Tätigkeiten nachzugehen wie am Tage. Die Nacht schränkt uns also ein oder, könnte man überspitzt formulieren, der Mensch ist nicht für die Nacht geschaffen. Demzufolge wurde die Nacht genauso oft mit Bedrohungen und Gefahren assoziiert wie sie Stoff für Geschichten, Phantasie, Furcht, Träume, Kreativität, Geheimnisse und Mythen geliefert hat.

Alles, was der Tag verbirgt, wird in der Nacht aufgedeckt. Es sind die Stunden, in denen Geister oder Wesen der Anderswelten umgehen. Das Christentum assoziierte die Nacht lange mit dem Tod und dem Bösen. Die Zeit der Dämonen. Die Zeit des Teufels. Vor allem die Stunde zwischen Mitternacht und Ein Uhr morgens, der Übergang zwischen den Tagen, war es, den man als besonders furchtbringend, unheilvoll oder auch schicksalhaft betrachtet. Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) hat es in seinem Nachtwandler-Lied aus der Schrift Also sprach Zarathustra treffend zusammengefasst: „Oh Mensch! Gieb Acht!/ Was spricht die tiefe Mitternacht?/ ‚Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -/ Die Welt ist tief, / Und tiefer als der Tag gedacht.“

Eine weitere wahre Huldigung an das Dunkel stammt aus der Feder des Dichters Rainer Maria Rilke (1875-1926), der in seinem Gedicht Du Dunkelheit (1899) die besondere Beziehung von Mensch und Künstler zur Nacht beschreibt:

„Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie’s errafft,
Menschen und Mächte –

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.“

Es ist vor allem die literarische Epoche der Romantik gewesen, die unsere Vorstellung von der Nacht stark geprägt hat. Einerseits hat sie ihr den religiösen Stempel entzogen, sie andererseits aber auch verklärt und für neue Schrecken empfänglich gemacht. Liebesschwüre. Seelengeständnisse. Leidenschaften. Die Vorstellung, im Dunkel sagen zu können, wozu am Tage der Mut fehlt, verquicken sich von nun an mit fantastischen Erzählungen. Grenzüberschreitende Experimente wie die des Viktor Frankenstein, der ausschließlich im Schutz der Dunkelheit an seiner Kreatur arbeitet, finden in der Nacht statt. Und mit Dracula hat Bram Stoker (1847-1912) den wohl blutrünstigsten Nachtaktiven der Literatur geschaffen; ein eigenes Genre, das sich noch heute – man denke dabei an die Twilight-Reihe – großer Beliebtheit erfreut, hat der Vampirroman gar begründet.

Schauen wir einmal kurz weg von der Literatur und wenden uns dem Volksglauben zu. Dabei fallen eine Reihe besonderer Nächte auf, denen über das Jahr hinweg eine besondere Bedeutung zukommt. Dazu zählen beispielsweise die Walpurgisnacht (30. April/1. Mai), die Johannisnacht (23./24. Juni) oder die Nacht vor Allerheiligen (31. Oktober/1. November; Samhain, Halloween). In diesen Nächten muss man sich, dem Aberglauben und Brauchtum zufolge, ganz besonders vor dem Einfluss von Geistern oder Hexen schützen. Bestimmte Tätigkeiten, wie beispielsweise das Stricken zu Johannis (es zieht angeblich Blitze an), dürfen nicht ausgeübt werden, weil sie Unglück verheißen. Träume treten in dieser Zeit intensiver ein und können sich, mehr als in anderen Nächten, bewahrheiten. Eine ganze Folge von Nächten, denen mythische, magische und rituelle Kräfte zugeschrieben werden, finden sich auch am Ende des Jahres, in der Zeit der sogenannten „toten Tage“, die rechnerisch (gemessen an Sonnen- und Mondumlauf) außerhalb der Zeit stehen.

Kalendarisch ereignet sich vom 21. auf den 22. Dezember auf der Nordhalbkugel die längste Nacht des Jahres, allgemeinhin auch als Wintersonnenwende oder Mittwinter bekannt. Offiziell (und kulturell) beginnt damit die 4. Jahreszeit, auch wenn der Winter meteorologisch gesehen am 1. Dezember seinen Anfang nimmt. Es bedeutet, dass die Tage fortan wieder länger und die Nächte kürzer werden. Darüber hinaus fällt auf den 21. Dezember der Thomastag, der Gedenktag des Apostels Thomas. Mit der Thomasnacht beginnt die erste der zwölf Nächte, die auch als Rauhnächte, Rauchnächte, Glöckelnächte oder Klöpfelnächte bekannt sind. Diese enden am Neujahrstag (1. Januar). Einer anderen gebräuchlichen Zählung zufolge nehmen die Rauhnächte erst am 25. Dezember ihren Anfang und enden an Ephiphanias, dem Tag der Erscheinung des Herrn oder dem Dreikönigstag (6. Januar). Brauchtum und Dauer sind allerdings von Region zu Region unterschiedlich ausgeprägt. So ist es in den Alpenländern üblich, die „Rauchnächte“ an den drei Donnerstagen vor Weihnachten zu begehen.

Dann ziehen als Perchten verkleidete Männer und Frauen in gruseligen Masken und mit Glocken umher, die durch den Lärm die bösen Geister des Winters austreiben. Das mittelhochdeutsche „rûch“ (> haarig) soll sich in diesem Zusammenhang auf die Rauhnacht beziehen und eben jene fellbekleideten Dämonen meinen, die während der Nächte ihr Unweisen treiben sollen. Ein weiterer Ursprung des Wortes, der bislang volkskundlich noch nicht abschließend geklärt ist, könnte aber auch mit Ritualen rund um das Stallvieh in Zusammenhang stehen. Zudem ist „Rauchware“ oder „Rauhware“ eng mit der Kürschnerei, der Verarbeitung von Tierfellen und Pelzen, verbunden.

Den Rauhnächten sagt man nach, sich besonders gut für das Wahrsagen zu eignen. Daher nennt man sie gelegentlich auch „Lostage“. Das silvesterliche Bleigießen oder das Befragen von Zwiebelschalen sind zwei Formen davon, die sich immer noch großer Beliebtheit erfreut. Auch Tierorakel sind bekannt. Geht man um Mitternacht in den Stall, sollen sie die menschliche Sprache annehmen können und die Zukunft weissagen. Doch Vorsicht an alle, die nun mit einem Abstecher zum Bauernhof liebäugeln. Dem Tierorakel sagt man nach, das derjenige, der die tierisch-menschliche Stimme hört, kurz darauf sterben wird. In einer anderen „Variante“ geben die Tiere beim hauseigenen Geist darüber Kunde, ob ihr Halter während des Jahres gut oder schlecht mit ihnen verfahren ist. Ist letzteres der Fall, erwartet den Missetäter zur Strafe eine geisterhafte Heimsuchung.

Eine andere Herleitung überliefert das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, welches innerhalb der Rauhnächte vier ganz besonders hervorhebt: St. Thomas, Weihnachten, Silvester und die Dreikönigsnacht. „An diesen Abenden durchräuchert ein Priester oder der Hausherr oder die Hausfrau nach dem Abendläuten alle Räume des Hauses und die Ställe mit geweihten Kräutern oder Weihrauch und besprengt sie mit Weihwasser. Dazu werden Gebete gesprochen, um Hexen und böse Geister zu vertreiben. Nach dem Rauchen darf die Stalltür nicht mehr geöffnet werden.“

Die katholische Kirche hatte die „Zwölften“ ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. zunächst als Freudenzeit deklariert. Im Volksglauben gilt die Zeit jedoch europaweit als Spukzeit. „Storch, Erbensbär und Schimmelreiter wandern umher. […] Werwölfe gehen um, und die wirklichen Wölfe erscheinen zu Zwölfen auf einmal. Versunkene Schlösser und Schätze steigen empor. Feuermänner erscheinen und kämpfen miteinander. Zwerge kommen zu Besuch und werden bewirtet; Hausgeister machen sich besonders bemerkbar.“ In Böhmen tob die Windsbraut, ein Wetterdämon der germanischen Mythologie, in diesen Nächten am Ärgsten. Um sie zu besänftigen, werden Äpfel und Nüsse in den Ofen geworfen. Damit soll ihr Hunger gestillt werden. Zudem knallt man mit Peitschen, um sie durch den Lärm zu vertreiben.

Abgesehen vom sprechenden Nutzvieh ist es während der Zwölften ratsam, Tieren gegenüber skeptisch zu sein, weil sich Hexen gern ihrer Gestalten bedienen. Darum: Bitte nicht füttern. Und bitte nicht anlocken. Den nötigen Schutz erlangt man durch das dreimalige Schlagen des Kreuzes. Den ganz Mutigen (oder Neugierigen), die endlich einmal wissen wollen, wie der Teufel tatsächlich aussieht, wird empfohlen, eine Kuhhaut zu nehmen und sich darauf zu setzen. Danach heißt es, abwarten.

Zudem soll man sich während der Rauhnächte keinen Handwerker ins Haus holen. Und: man sollte auf Ordnung achten und vor allem keine weiße Wäsche aufhängen. Dahinter verbirgt sich der Mythos, dass die Wäsche die Geister der Wilden Jagd anlockt, die während der Rauhnächte durch die Lande streifen. Wird ein Wäschestück von einem dieser wilden Jäger gestohlen, verwandelt es sich im Laufe des kommenden Jahres angeblich in ein Leichentuch.

Die Wilde Jagd, Peter Nicolai Arbo (1872)

Apropos Wilde Jagd. Dabei handelt es sich um einen Geisterzug oder ein Geisterheer. Es kann über den Himmel jagen oder in Form einer Leichenprozession durch das Land streifen. Die Sichtung ist meist Vorbote für Katastrophen, Krankheiten und Tod. Im Gefolge befinden sich die Gefallenen von Schlachten, Ungetaufte, Hingerichtete und jene, die zu früh oder aber gewaltsam gestorben sind. Im Regelfall hört man die Wilde Jagd bzw. das Wilde Heer sich durch Schreien, Heulen, Jammern oder Musik ankündigen. „Die Toten reiten schnell“ durchzieht es etwa die Ballade Lenore von Gottfried August Bürger und der Komponist Carl Maria von Weber lässt eine Wilde Jagd musikalisch durch seinen Freischütz toben.

Manchmal marschiert der Geisterzug aber auch schweigend und sein Kommen wird den Lebenden von einem der Anführer, zum Beispiel dem getreuen Eckhardt, angekündigt. Um sich zu schützen, soll es hilfreich sein, sich auf ein weißes Taschentuch zu stellen. Die Neugierigen oder Sünder, die vom Wilden Heer berührt werden (zum Beispiel durch Atemhauch) können erblinden, gelähmt bleiben, sterben oder sind, im besten Fall, einfach nur wochenlang verstört. Auch Tiere oder wunderliche Gestalten können den Zug begleiten. In den Rauhnächten ist die Wilde Jagd am aktivsten, sie kann sich aber auch zu anderen Jahreszeiten zeigen. Eine der ältesten Überlieferungen zur Wilden Jagd hat der normannische Mönch und Chronist Odericus Vitalis (1075-1140) in seiner Historia ecclesiastica aufgezeichnet.

Charakteristisch für die Wilde Jagd ist vor allem, dass die Lebenden und die Toten einander erkennen. Die Beziehung von Lebenden und Toten galten, bedingt durch das mittelalterliche Memorialwesen, als eng verflochten. Bis zur Aufklärungszeit waren Diesseits und Jenseits sogar rechtlich gleichgestellt. Die Wilde Jagd verweist auf diese enge Verknüpfung, wird aber regional verschiedentlich ausgelegt und wahrgenommen. So gibt es Versionen, in denen die Lebenden Teil der Jagd werden können oder aber die Seelen der Schlafenden von den Geistern geholt werden, um an der Jagd teilzunehmen.

Die Wilde Jagd ist ein beliebtes Motiv in Musik, Romanen, Theaterstücken oder auch Fernsehserien. Im Roman Der Herrn der Ringe aus der Feder von J. R. R. Tolkien (1892-1973) tritt ein verfluchtes Geisterheer auf, das erst erlöst wird, nachdem es sich im Kampf gegen das Böse bewährt hat. In der neueren Literatur, die sich meist mit magischen Praktiken und der rituellen Seelenreinigung in der Zeit der Rauhnächte befasst, spielt die Wilde Jagd mit ihren volkstümlichen und mythischen Wurzeln meist nur eine kurz erwähnte Nebenrolle, ebenso wie die ursprünglichen Rauhnachtsbräuche und ihre Hintergründe. Dabei lohnt sich eine nähere Betrachtung der alljährlichen Zwischenzeit nicht nur in volkskundlicher, sondern auch in historischer, theologischer, ethnologischer, kultureller und literarischer Sicht.

An den benannten Aspekten wird eines deutlich: Die Nacht bietet genug Stoff, um nicht nur tagelang, sondern auch nächtelang über sie zu sprechen. Daher sollen zum Abschluss zwei der berühmtesten Nachtporträts der bildenden Kunst nicht unerwähnt bleiben: Rembrandts Nachtwache und Heinrich Füssli‘s Nachtmahr oder The Nightmare. Nachtwachen kamen, wenn auch meistens schlecht bezahlt und als anstößiger Berufszweig verschrien, wichtige Funktionen innerhalb der Städte zu. Nachtwächter machten nicht nur Diebe dingfest oder schlichteten nächtliche Streitereien, sie zählten während der Nacht die Stunden und waren vor allem als Feuerwachen wichtig, um im Fall eines Ausbruchs die Bevölkerung zu warnen.

Der Nachtmahr, Heinrich Füssli (1781)

Füssli’s Nachtmahr wiederum wendet sich einer eher psychologischen Komponente der Nacht zu, die eng mit dem Eingangsthema in Zusammenhang steht: dem Albtraum. Nachdem die Naturwissenschaften im Zuge der Aufklärung an Bedeutung gewannen, bekamen Nachtaspekte wie Albträume, die in Mittelalter und Früher Neuzeit häufig mit dem Wirken des Teufels oder seiner Schergen erklärt worden waren, mehr und mehr einen psychologischen Anstrich, da sie vermehrt in Bezug zum eigenen Ich gesetzt wurden. Das Dämonische erhielt also neue Ausdrucksformen. Und mit diesen waren auch künstlerisch neue Möglichkeiten der Inspiration geboren. So soll Füssli’s Nachtmahr Mary Shelleys Phantasie gefördert haben. Ob es auch auf ihren eigenen Albtraum eingewirkt hat, der sie den Frankenstein und die Geburt seiner aus Leichenteilen zusammengesetzten Kreatur quasi vorausdenken ließ, ist eine Frage, die indes zu diskutieren wäre. Um an diesem Abend Albträumen vorzubeugen, sollen die Aussführungen mit einem Sonett der Romantikerin Karoline von Günderrode (1780-1806) aus dem Jahr 1804 enden, welches mich bereits während meines Germanistikstudiums beschäftigt hat. Nacht. Dunkel. Sehnsucht. Schlaf. Und Träume. Vortrefflicher kann man der Nacht kaum huldigen. Entscheiden Sie selbst.

Der Kuß im Traume

„Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten,
Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten,
Daß neue Wonne meine Lippe saugt.

In Träume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb ich, ewig Träume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

Drum birg dich Aug dem Glanze ird’scher Sonnen!
Hüll dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluten.“

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweise:

Constance Timm (Hrsg.). Nacht(s)chicht. Berichte aus dem Dunkel. Edition Hamouda: Leipzig 2016.

Paul Bogard. The End of Night. Searching for Natural Darkness in an Age of Artificial Light. New York 2013.

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