Der MYTHO-Blog liest trotzdem – 2.0

Zwischen den Welten

Ich bin ein Leser, der zwischen den Welten wandelt. Sachbuch oder Literatur? Man muss sich entscheiden. Was mir manchmal wirklich schwerfällt, da ich am liebsten alles auf einmal lesen würde. Lesen bedeutet für mich, die ganze Welt in meiner Wohnung zu versammeln, in Vergangenheit und Zukunft zu reisen oder einfach nur das Hier und Jetzt zu reflektieren. Lesen schließt die Seele auf.

In den letzten Wochen hat mich in der nicht fiktionalen Lesesparte vor allem das Buch des Archäologen Eric H. Cline 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation in den Bann geschlagen. Man geht darin nicht nur auf eine Reise in die für unser heutiges Zeitverständnis weit zurückreichende Bronzezeit und erfährt historische, kulturelle und archäologische Details der östlichen Mittelmeerwelt; Cline versteht es zudem die Verbindungen zwischen den einzelnen Regionen herzustellen und anhand von Grabungsfunden zu dokumentieren. So war die Welt der Bronzezeit weit produktiver und vernetzter und Regionen wie Ägypten, Mesopotamien, Kreta, Kleinasien (Hethiterreich) oder das griechische Mykene wirtschaftlich viel abhängiger voneinander als bislang angenommen wurde. Je enger verflochten Regionen und Staatsgebilde voneinander sind, desto anfälliger werden sie aber auch für „Störfaktoren“, so die These. Bei Cline sind es die sogenannten „Seevölker“, die gewissermaßen einem in Erosion befindlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüge, das zudem von Klimaveränderungen und Naturkatastrophen heimgesucht wurde, gewissermaßen den Todesstoß versetzen. Kommt uns solch ein Szenario nicht erschreckend aktuell vor? Eine Abhandlung, die ich nur empfehlen kann und die fern ist von Endzeitfantastereien. Denn ohne den Zusammenbruch der Zivilisationen der Bronzezeit hätte es die klassische Antike, wie wir sie kennen, nicht gegeben. Ende kann also auch ein Anfang sein.

Um Ende und Anfang, wenn auch ganz und gar in literarischem Sinne, geht es im Frankreich des 19. Jahrhunderts, besser gesagt in der Vorstellungswelt von Alexandre Dumas, dessen 150. Todesjahr wir 2020 begehen. Sein zunächst als Fortsetzungsroman konzipiertes Werk Der Graf von Monte Christo ist eines meiner absoluten Lesehighlights, und das schon seit über zwanzig Jahren. Eine Geschichte, die ich mich immer wieder fasziniert und an der ich schaudere und mitleide und mir am Ende die Frage stelle: Was hättest du getan? Die Geschichte um den jungen Seemann Edmond Dantès, der einer Intrige, befeuert durch Neid, Missgunst und Ehrgeiz zum Opfer fällt und dafür vierzehn Jahre als Gefangener im Château d’If verbringen muss, ehe ihm auf spektakuläre Weise die Flucht und der Weg zu seiner Rache gelingt, hat alles an Tragödien-, Schmerz-, Mitleid- und Spannungspotential, was ein Klassiker braucht. Dass Dumas dabei nicht nur die historischen Gegebenheiten der Zeit beschreibt, sondern auch der Pariser Gesellschaft mit all ihren Skandalen, Geheimnissen, Verblendungen und Fallstricken einen Spiegel vorhält, ist eine zusätzliche Stärke des Romans. Wie viel Elend kann der Mensch ertragen? Was darf Zorn? Und wie weit kann Rache gehen? Allen Lesehungrigen sei die dreibändige, vollständig übersetzte und illustrierte Ausgabe des Fischer-Verlags aus dem Jahr 1994 anempfohlen. Hat man diese gelesen, wird man die doch an manchen Stellen recht frei interpretierten Filme oder gar Musicals mit anderen Augen sehen. Denn das originale Ende ist nicht unbedingt das, was man hofft oder erwartet. Oder vielleicht doch?

Apropos Fischer-Verlag. In diesem erscheinen auch die Werke sowie die Werkausgabe des 2007 verstorbenen Schriftstellers und Dichters Wolfgang Hilbig, dessen Schaffen durchdrungen ist von einer dunklen, abgründigen, metaphorischen und komplexen Poesie, die in der deutschen Gegenwartskultur ihresgleichen sucht. Jedes Wort besitzt bei ihm seine eigene Bedeutung und kreiselt in seiner eigenen Welt, eine Welt, die fernab der Wirklichkeit zu liegen scheint und ihr dennoch ganz nah ist. „Was soll ich sinnlos die Götter beschwören/ Ich wusste damals noch nicht,/ dass die Welt nicht lesen kann,/sondern nur hören!“, heißt es im Gedicht Liebeserklärung eines Dichters. Es ist eine Spurensuche, die manchmal hart ist und manchmal sanft, manchmal mühsam und manchmal erstaunlich einfach; es ist eine Suche, auf die ich mich immer dann begebe, wenn mir die Welt allzu poesielos erscheint und ich zu sehr von der Realität bedrängt werde. Auch dies ist ein Wandeln zwischen den Welten. Man kann ihm nicht entkommen. Man kann sich eben nur entscheiden.

Constance Timm

Kontroversen

Maria Magdalena (1997) aus der Feder der Schwedin Marianne Frederiksson und Chocolat (1999) von der amerikanischen Autorin Joanne Harris sind keine Bücher, die ich gerade erst gelesen habe, sondern die mir als Teenager in die Hände kamen. Beide standen im Bücherregal meiner Mutter, die selbst gern und viel liest (auch regelmäßig diesen Blog, hallo Mama!) und die nichts dagegen hatte, dass ich mich schon recht zeitig an ihren Büchern vergriff.

Chocolat erzählt die Geschichte von Vianne Rocher, die zusammen mit ihrer sechsjährigen Tochter Anouk eines Tages in dem kleinen französischen Städtchen Lansquenet-sous-Tannes während eines Karnevalumzugs auftaucht. Unter den ebenso misstrauischen wie neugierigen Blicken der Einheimischen eröffnet Vianne eine winzige Chocolaterie – nicht das erste Mal, denn Mutter und Tochter leben ein Nomadenleben, das sie bereits durch ganz Europa und darüber hinaus geführt hat.  Mit ihrer ungezwungenen Art, dem Dasein als alleinerziehenden Mutter eines unehelichen Kindes und ihrem Gewerbe, das sie zu Beginn der Fastenzeit eröffnet, macht sie sich den ortsansässigen Pater Reynaud schnell zum Feind. Dieser fürchtet ein Schwinden seines (kirchlichen) Einflusses und einen Umsturz seiner geordneten Welt, denn das beschauliche Städtchen gibt so manchen Misstand und böses Geheimnis preis, wenn man ein wenig ander Oberfläche kratzt.

Es könnte kitschig sein, aufgebauscht und tödlich langweilig. Ist es aber nicht. Abwechselnd begleitet man die beiden “Kontrahenten” in der Perspektive des Ich-Erzählers und lernt somit beide Seiten in einer Mischung aus magischem Realismus und Tagebuchliteratur kennen. Zwei Personen, die vor ihren persönlichen Dämonen und Zwängen flüchten. In sehr kurzer Handlungszeit (zwischen einem 11. Februar und 31. März), werden zahllose Themen geradezu bloßgestellt; Intoleranz, häusliche Gewalt, eine kritische Sicht auf Religion, selbstbestimmte Sexualität, die nicht endenwollende Geschichte von Gut und Böse. Ich liebe an diesem Buch, dass es nicht den erhobenen Zeigefinger hervorkehrt, sondern alle mehr oder minder schweren Themen in eine gute Portion Charme und Witz verpackt, unterhält, ohne nur Unterhaltung zu sein. Allein, dass sich die Facetten eines Mikrokosmos Kleinstadt an so etwas Simplen wie Schokolade zeigen, macht diesen Roman für mich zu etwas Besonderem.

Auch Maria Magdalena folgt der Geschichte einer ungewöhnlichen Frau; die biblische Vorlage weist einen turbulenten Werdegang auf. Viele Jahre nach dem Tod Jesu am Kreuz wird Maria aus Magdala von Petrus aufgesucht. Begleitet von einem Schreiber möchte er, dass sie ihre Geschichte erzählt, da sie Jesus angeblich am besten kannte. Noch immer ist sie nicht über das Geschehene hinweggekommen, also tut sie ihm den Gefallen und merkt schnell, dass der ehermalige Jünger einer eigenen Agenda folgt – er will Jesus zum Mittelpunkt einer Glaubenslehre machen, die vor allem seinen eigenen Vorstellungen entspricht und in der Frauen wie Maria keinen Platz haben. Sie beginnt, parallel zu den Gesprächen mit Petrus, ihre Geschichte selbst niederzuschreiben – vom Kind in einem kleinen jüdischen Dorf zur Prostituierten, wie sie Jesus kennenlernte und er ihr Leben veränderte und sie ihn bis zum Schluss begleitete. Und das Nachbeben.

Für mich als nichtreligiösen Menschen war dieser Roman doch so etwas wie eine kleine Offenbarung, vor allem als Heranwachsende. Der Erzählstrang wechselt stetig zwischen Vergangenheit und Gegenwart und begleitet Maria bei ihren Versuchen, einen Menschen zu begreifen, der doch so unbegreiflich ist. Ich fand diese Frau schlichtweg faszinierend und so anders als jeden Hauptcharakter, der mir bis dato untergekommen war; eine Darstellung, mit der ich mich identifizieren konnte. Das Buch wirft einen feministischen Blick auf das Christentum, indem es einer der kontroversten Frauengestalten aus dessen Überlieferung folgt, einer Frauengestalt, die auch unter den Jüngern hervorsticht. Es ist weder Fakt noch Fantasy, sondern eine Möglichkeit und für mich ein literarischer Meilenstein.

Pia Stöger

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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