Namensschwestern und sonst nichts? – Betrachtungen zu Galatea und Galateia

Mythische Figuren haben in aller Regel einen Namen, seien sie nun so bekannt wie Helena, Herakles oder Theseus, die Gegenstand unzähliger Darstellungen aller Genres sind, oder so unbekannt wie Oreithyia, Orseis oder Orsedike, die mittlerweile ihr Dasein nur noch in mythologischen Handbüchern wie Apollodors Bibliothek fristen. Allerdings gibt es eine prominente Ausnahme: Die Frauenstatue, die ein gewisser Pygmalion auf Zypern aus Elfenbein schuf, schöner als alle anderen Frauen. Ihr Schöpfer verliebte sich in sie, und als er die Götter bat, sie mögen ihm doch eine Frau geben, die ihr gleich sei, erbarmte sich Aphrodite, die Göttin der Liebe und belebte das elfenbeinerne Mädchen. Pygmalion nahm sie zur Frau und hatte mit ihr eine Tochter.

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Helena, die schönste Frau der Welt – Schlaglichter auf ein ewig junges Rätsel

Die Zeiten fließen ineinander im 2009 uraufgeführten Stück Trojan Barbie der in den USA lebenden Dramatikerin Christine Evans: unsere Gegenwart und die mythische Zeit. Lotte Greta Jones, eine englische Touristin, besucht die antiken Ruinenstätten in der heutigen Türkei, u. a. Troja – und landet unvesehens in einem Kriegsgefangenenlager. Die griechischen Truppen haben eben Troja erobert, die Stadt zerstört, die meisten Einwohner umgebracht und die für einen späteren Tod oder die Sklaverei aufgesparten Frauen und Kinder im Lager eingepfercht. Und mitten darin, mit Make-up und High Heels, in der Pose eines Filmstars (2. Szene): Helena, Gattin des Königs Menelaos von Sparta, die vor zehn Jahren mit dem trojanischen Prinzen Paris durchgebrannt ist und damit zumindest den Anlass für Krieg und Verderben geliefert hat. Dass sie nun selbst eine Kriegsgefangene ist, die eigentlich die Rache ihrer Landsleute und vor allem ihres gehörnten Gatten fürchten müsste, tangiert sie scheinbar nicht. Sie ist davon überzeugt, dass sie aus allem wieder herauskommt, weil ihr kein Mann widerstehen kann: Der griechische Soldat nicht, der ihr verbotener Weise Kopfschmerztabletten und Mineralwasser aus Armeebeständen besorgt (2. Szene), und nicht ihr Gatte – im Stück Oberkommandierender der griechischen Truppen –, den sie mit Lottes Handy anruft: „Liebling! Endlich! Das war ein schreckliches Missverständnis, und ich sterbe vor Sehnsucht nach dir … Zehn Jahre sind viel zu lang … Gut, dann können wir reden … Hier … Heute abend? … Ich habe dich so sehr vermisst …“ (8. Szene, Übers. Christoph Sorger). Sie wird es schaffen. Menelaos schließt sie in seine Arme und holt sie heraus (13. Szene) – und Lotte wird von einem anachronistischen deus ex machina gerettet, einem Angehörigen der britischen Botschaft (14. Szene).

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Eros und Aphrodite

Alles sei voll von Göttern, soll der griechische Philosoph Thales von Milet (6. Jahrhundert v. Chr.) gesagt haben. Er blieb damit, auch wenn er dieser Behauptung eine abstraktere, nicht-wörtliche Bedeutung gegeben haben mag, der Weltsicht seiner Zeitgenossen verbunden. In der Tat fassen polytheistische Weltbilder – und die alten Griechen waren ja Polytheisten – ihre Götter nicht als transzendente Wesenheiten auf, die der Welt gegenüberstehen, sondern als Teil der Welt. Und in diesem Sinne hatte das, was wir Natur nennen, teil am Göttlichen, und Götter wirkten auch hinein in die Lebensvollzüge der Menschen. Sie wachten über die einzelnen Lebensbereiche, wenngleich sie häufig zu komplexe Gestalten waren, als dass man sie restlos mit einer Funktion hätte identifizieren können. Für das, was man im weitesten Sinne Liebe nennen kann, waren zwei Gottheiten zuständig: Eros (Liebesbegehren) und Aphrodite. Sie haben die Antike überlebt und sind nicht zuletzt durch die Kunst des Abendlandes bis heute populär: die schöne junge Frau und ihr knabenhafter Begleiter, der meist mit Pfeil und Bogen und oft auch geflügelt dargestellt wird. Freilich sind sie auf ihrem langen Weg auch zu puren Versinnbildlichungen, zu Allegorien geworden. Für die antike Welt aber waren sie mehr.

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Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: „Trickster“, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel „Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht“ (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Heldentod und Zeitenwende: Mythologisch-literarische Anmerkungen zum Ende des Ersten Weltkriegs

Und dann war es endlich vorbei. Um 12 Uhr ertönte an allen Frontabschnitten, an denen noch gekämpft worden war, ein Trompetensignal, und die Waffen schwiegen. Man schrieb den 11. November 1918. Der Erste Weltkrieg war nach vier Jahren Dauer mit einem Waffenstillstand zu Ende gegangen, auch wenn es bis zum Abschluss von Friedensverträgen noch ein weiter Weg sein sollte. Ungefähr 65,8 Millionen Soldaten hatten in Belgien und Frankreich, in Ostpreußen, Galizien, Rußland, auf dem Balkan, in Norditalien, in Mesopotamien, Palästina und auf der Arabischen Halbinsel gekämpft, aber auch in deutschen Kolonien in Afrika und Ozeanien. Auf der einen Seite standen die Mächte der Entente, d. h. Frankeich, England und Russland, sowie Italien, Japan und weitere Verbündete, nicht zu vergessen Truppen aus den französischen und britischen Kolonien, aus Kanada, Australien und Neuseeland, und 1917 auch die USA. Ihnen gegenüber standen die so genannten Mittelmächte Deutschland und die multinationale Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, denen sich bald das Osmanische Reich anschloss, das außer der Türkei und Albanien den ganzen Nahen und Mittleren Osten umfasste, sowie Verbündete. Bilanz: rund zehn Millionen Gefallene und 15 bis 21 Millionen dauerhaft duch Verletzungen Geschädigte.

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Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein“

   Zwei Gestalten der populären Imagination werden dieses Jahr zweihundert: Frankenstein und sein Monster. Jeder kennt sie, weil jeder mindestens einen Film über sie gesehen hat, und Boris Karloff als Monster in der Verfilmung von 1931 ist geradezu eine Ikone geworden. Immer wieder variieren Drehbuchautor und Regisseure die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen Menschen zusammenbaut, ihn belebt – meist per Galvanismus – und dann vor seiner monströs geratenen Schöpfung Reißaus nimmt und damit eine Kette katastrophaler Ereignisse in Gang setzt. All diese Versionen gehen letztlich auf einen Roman zurück, der 1818 – zunächst anonym – in London erschien: „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“ von Mary Wollstonecraft Shelley. Seine Vielschichtigkeit erreichen sie allerdings selten oder vielleicht nie. Denn um puren Horror geht es darin nicht, auch wenn die Grundidee tatsächlich eine Gruselgeschichte war: Mitte Juni 1816 saßen die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, Shelleys damals 18jährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Mary und Byrons Leibarzt und Reisebegleiter John William Polidori in einer Villa am Genfer See, während es tagelang in Strömen regnete. Die Protagonisten der literarischen Romantik unterhielten sich über neueste naturwissenschaftliche Experimente, über die Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, lasen einander Gespenstergeschichten vor, die aus dem Deutschen ins Französische übersetzt worden waren und beschlossen dann, selber welche zu erfinden. Bloß Mary wollte lange keine einfallen. Aber dann hatte sie einen Alptraum und ihre Geschichte – und in den folgenden beiden Jahren machte sie ihren ersten Roman daraus.

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