Geheim und unaussprechlich – antike Mysterien

Es durfte nicht darüber gesprochen werden oder es ließ sich vielleicht auch gar nicht in Worte fassen … Die Rede ist von einem Phänomen, das im antiken Griechenland und im römischen Reich weit verbreitet war, von  geheimen Kulten, durch deren Zeremonien die Eingeweihten ein Wissen von göttlichen Dingen erlangten, das sie heraushob aus der Anzahl der Uneingeweihten.  Sie waren damit in einen Kreis von Menschen eingetreten, die eines Versprechens teilhaftig geworden waren, das sich auf etwas Bleibendes bezog und ihrem Leben fortan eine tiefere Bedeutung verlieh. Freilich waren sie verpflichtet, über das zu schweigen, was ihnen im Verlaufe der Zeremonien mitgeteilt oder gezeigt worden war. Eine Verpflichtung, die im Großen und Ganzen auch eingehalten wurde, mit dem Resultat, dass wir über die Inhalte, eben über den Kern der Mysterien, sehr wenig wissen. Wir verfügen im Wesentlichen nur über Andeutungen in der Literatur –  ein gnostischer Autor teilte freilich wesentliche Einzelheiten über die Eleusinien mit – und über archäologische Befunde bei den Ausgrabungen diverser Heiligtümer.

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Vampire aller Orten: Anmerkungen zu einem Dauerphänomen – Teil 2: Von der obskuren Existenz zum Aristokraten

Der erste Auftritt eines Vampirs auf der literarischen Bühne ist vermutlich wenig zur Kenntnis genommen worden. Wahrscheinlich war die Zeit noch nicht reif dafür, und das Werk, in dem er figurierte, war auch nicht spektakulär: Ein 24-zeiliges Gedicht mit dem Titel Der Vampir aus der Feder des seit langem vergessenen Heinrich August Ossenfelder, das am 25. Mai 1748 in einem Journal namens Der Naturforscher gedruckt wurde. Verlagsort: Leipzig, „das Herz der deutschen Vampir-Debatte des 18. Jahrhunderts“ (Groom, S. 99).

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Vampire aller Orten: Anmerkungen zu einem Dauerphänomen – Teil 1: Die Untoten betreten die Bühne

Nein, Goethe mochte sich von einem gewissen Punkt an nicht mehr mit Vampiren befassen. Im zweiten Teil seines Faust lassen sich die „Nacht- und Grabdichter“ beim geplanten Mummenschanz am kaiserlichen Hofe entschuldigen, weil sie soeben im interessantesten Gespräch mit einem frisch erstandenen Vampir begriffen sind, woraus eine neue Dichtart sich vielleicht entwickeln könnte.

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Die Bestie des Gévaudan

Von Ende Juni 1764 bis Mitte Juni 1767, gut 20 Jahre, bevor die Französische Revolution den Absolutismus – das Ancien Régime – hinwegfegte, wurden die am Südabfall des Massif Central gelegene Grafschaft Gévaudan und Teile der nördlich angrenzenden Auvergne von einem Untier heimgesucht, dessen Attacken etwa hundert Menschen zum Opfer fielen, zumeist Kinder, Jugendliche und Frauen. Als La Bête de Gévaudan, die Bestie des Gévaudan, erlangte es sehr bald schreckliche Berühmtheit über die betroffenen Regionen hinaus.

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„Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ – Wie ein Roman eine klassische Dichtung ins Heute holt

Jay Mendelsohn, ein 81-jähriger Mathematiker und Computerwissenschaftler im Ruhestand, nimmt 2012 an dem Seminar über Homers „Odyssee“ teil, das sein Sohn Daniel Mendelsohn im Frühjahrssemester an dem kleinen, aber feinen Bard College in der Nähe von New York gibt. Anschießend machen beide eine Mittelmeer-Kreuzfahrt, die den Spuren des Helden dieses mehr als zweieinhalb Jahrtausende alten griechischen Epos folgt. Anders als Odysseus, der nach vielen Irrungen und Abenteuern schließlich auf seiner heimatlichen Insel Ithaka landet, erreichen sie dieses Ziel aber nicht, da aufgrund von Streiks im Zuge der griechischen Wirtschaftskrise die Reiseroute geändert werden muss. Ein Jahr nach Beginn des Odyssee-Seminars erleidet der alte Herr einen Schlaganfall, der ihn ins Pflegeheim bringt, wo er sich eine Infektion zuzieht, an der er stirbt. So einfach lässt sich die Handlung von Daniel Mendelsohns Roman „Eine Odyssee“ zusammenfassen, dessen amerikanische Originalausgabe 2017 unter dem Titel „An Odyssey. A Father, a Son and an Epic“ bei Alfred A. Knopf, New York, erschienen ist und dessen deutsche Übersetzung der Siedler-Verlag (München) 2019 herausbrachte. Aber so einfach ist es nicht …

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Streit um Babel-Bibel, oder: Was man mit einem Mythos machen kann

In den Jahren 1902 bis etwa 1904 tobte ein Streit, der, wie einer seiner Protagonisten mit leichter Übertreibung rückblickend feststellte, die Gebildeten von Kalkutta bis Kalifornien und von Norwegen bis Kapstadt sowie in Deutschland breite Volksmassen erregte (Lehmann, S. 52). Ausgelöst worden war er von dem international renommierten Assyriologen Friedrich Delitzsch (1850 – 1922), Professor für Orientalische Philologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute: Humboldt-Universität) zu Berlin und Direktor der Vorderasiatischen Abteilung der Berliner Museen, die später Teil des Pergamonmuseums werden sollte.

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Namensschwestern und sonst nichts? – Betrachtungen zu Galatea und Galateia

Mythische Figuren haben in aller Regel einen Namen, seien sie nun so bekannt wie Helena, Herakles oder Theseus, die Gegenstand unzähliger Darstellungen aller Genres sind, oder so unbekannt wie Oreithyia, Orseis oder Orsedike, die mittlerweile ihr Dasein nur noch in mythologischen Handbüchern wie Apollodors Bibliothek fristen. Allerdings gibt es eine prominente Ausnahme: Die Frauenstatue, die ein gewisser Pygmalion auf Zypern aus Elfenbein schuf, schöner als alle anderen Frauen. Ihr Schöpfer verliebte sich in sie, und als er die Götter bat, sie mögen ihm doch eine Frau geben, die ihr gleich sei, erbarmte sich Aphrodite, die Göttin der Liebe und belebte das elfenbeinerne Mädchen. Pygmalion nahm sie zur Frau und hatte mit ihr eine Tochter.

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Helena, die schönste Frau der Welt – Schlaglichter auf ein ewig junges Rätsel

Die Zeiten fließen ineinander im 2009 uraufgeführten Stück Trojan Barbie der in den USA lebenden Dramatikerin Christine Evans: unsere Gegenwart und die mythische Zeit. Lotte Greta Jones, eine englische Touristin, besucht die antiken Ruinenstätten in der heutigen Türkei, u. a. Troja – und landet unvesehens in einem Kriegsgefangenenlager. Die griechischen Truppen haben eben Troja erobert, die Stadt zerstört, die meisten Einwohner umgebracht und die für einen späteren Tod oder die Sklaverei aufgesparten Frauen und Kinder im Lager eingepfercht. Und mitten darin, mit Make-up und High Heels, in der Pose eines Filmstars (2. Szene): Helena, Gattin des Königs Menelaos von Sparta, die vor zehn Jahren mit dem trojanischen Prinzen Paris durchgebrannt ist und damit zumindest den Anlass für Krieg und Verderben geliefert hat. Dass sie nun selbst eine Kriegsgefangene ist, die eigentlich die Rache ihrer Landsleute und vor allem ihres gehörnten Gatten fürchten müsste, tangiert sie scheinbar nicht. Sie ist davon überzeugt, dass sie aus allem wieder herauskommt, weil ihr kein Mann widerstehen kann: Der griechische Soldat nicht, der ihr verbotener Weise Kopfschmerztabletten und Mineralwasser aus Armeebeständen besorgt (2. Szene), und nicht ihr Gatte – im Stück Oberkommandierender der griechischen Truppen –, den sie mit Lottes Handy anruft: „Liebling! Endlich! Das war ein schreckliches Missverständnis, und ich sterbe vor Sehnsucht nach dir … Zehn Jahre sind viel zu lang … Gut, dann können wir reden … Hier … Heute abend? … Ich habe dich so sehr vermisst …“ (8. Szene, Übers. Christoph Sorger). Sie wird es schaffen. Menelaos schließt sie in seine Arme und holt sie heraus (13. Szene) – und Lotte wird von einem anachronistischen deus ex machina gerettet, einem Angehörigen der britischen Botschaft (14. Szene).

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Eros und Aphrodite

Alles sei voll von Göttern, soll der griechische Philosoph Thales von Milet (6. Jahrhundert v. Chr.) gesagt haben. Er blieb damit, auch wenn er dieser Behauptung eine abstraktere, nicht-wörtliche Bedeutung gegeben haben mag, der Weltsicht seiner Zeitgenossen verbunden. In der Tat fassen polytheistische Weltbilder – und die alten Griechen waren ja Polytheisten – ihre Götter nicht als transzendente Wesenheiten auf, die der Welt gegenüberstehen, sondern als Teil der Welt. Und in diesem Sinne hatte das, was wir Natur nennen, teil am Göttlichen, und Götter wirkten auch hinein in die Lebensvollzüge der Menschen. Sie wachten über die einzelnen Lebensbereiche, wenngleich sie häufig zu komplexe Gestalten waren, als dass man sie restlos mit einer Funktion hätte identifizieren können. Für das, was man im weitesten Sinne Liebe nennen kann, waren zwei Gottheiten zuständig: Eros (Liebesbegehren) und Aphrodite. Sie haben die Antike überlebt und sind nicht zuletzt durch die Kunst des Abendlandes bis heute populär: die schöne junge Frau und ihr knabenhafter Begleiter, der meist mit Pfeil und Bogen und oft auch geflügelt dargestellt wird. Freilich sind sie auf ihrem langen Weg auch zu puren Versinnbildlichungen, zu Allegorien geworden. Für die antike Welt aber waren sie mehr.

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Lügen, Tricks und Todesschüsse. Odysseus, der etwas andere Held

Trickster sind eine paradoxe Sippschaft. Mythische Wesen, die irgendwie Götter sind, andererseits aber auch wieder außerhalb der Götterwelt stehen, die in Menschen- und Tiergestalt auftreten, aber auch ihre Erscheinungsform ändern können. (Mit-)Schöpfer und Ruhestörer, Kulturbringer und Feinde jeder Ordnung, Schelme und Schurken, hilfreich und zugleich gefährlich, klug bis zur äußersten Raffinesse und dann wieder so überschlau, dass sie über die eigenen Füße stolpern und am Ende als betrogene Betrüger dastehen. Im späten 19. Jahrhundert sind sie als Typus in den Mythologien nordamerikanischer Indianervölker sozusagen entdeckt worden und haben ihre Bezeichnung erhalten: “Trickster”, was im Englischen Schwindler, Gauner, Schelm usw. bedeutet. Seitdem haben sich Ethnologen und Religionswissenschaftler bemüht, sie zu klassifizieren und zu definieren. Mit dem Ergebnis, dass sie in keine Kategorie passen. Dafür aber hat man auch in den überlieferten Vorstellungswelten anderer Kontinente mehr und mehr Trickster-Figuren ausfindig gemacht – auch außerhalb rein mythologischer Kontexte. Es handelt sich also um ein universales Phänomen von außerordentlicher Bandbreite. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie hat diesem unter dem Titel “Schöpfer, Schelm und Schurke – Der Trickster im mythologischen Zwielicht” (2018) eine eigene Publikation gewidmet.

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Heldentod und Zeitenwende: Mythologisch-literarische Anmerkungen zum Ende des Ersten Weltkriegs

Und dann war es endlich vorbei. Um 12 Uhr ertönte an allen Frontabschnitten, an denen noch gekämpft worden war, ein Trompetensignal, und die Waffen schwiegen. Man schrieb den 11. November 1918. Der Erste Weltkrieg war nach vier Jahren Dauer mit einem Waffenstillstand zu Ende gegangen, auch wenn es bis zum Abschluss von Friedensverträgen noch ein weiter Weg sein sollte. Ungefähr 65,8 Millionen Soldaten hatten in Belgien und Frankreich, in Ostpreußen, Galizien, Rußland, auf dem Balkan, in Norditalien, in Mesopotamien, Palästina und auf der Arabischen Halbinsel gekämpft, aber auch in deutschen Kolonien in Afrika und Ozeanien. Auf der einen Seite standen die Mächte der Entente, d. h. Frankeich, England und Russland, sowie Italien, Japan und weitere Verbündete, nicht zu vergessen Truppen aus den französischen und britischen Kolonien, aus Kanada, Australien und Neuseeland, und 1917 auch die USA. Ihnen gegenüber standen die so genannten Mittelmächte Deutschland und die multinationale Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, denen sich bald das Osmanische Reich anschloss, das außer der Türkei und Albanien den ganzen Nahen und Mittleren Osten umfasste, sowie Verbündete. Bilanz: rund zehn Millionen Gefallene und 15 bis 21 Millionen dauerhaft duch Verletzungen Geschädigte.

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Der wahnsinnige Wissenschaftler und das Scheusal: Zweihundert Jahre „Frankenstein“

Zwei Gestalten der populären Imagination werden dieses Jahr zweihundert: Frankenstein und sein Monster. Jeder kennt sie, weil jeder mindestens einen Film über sie gesehen hat, und Boris Karloff als Monster in der Verfilmung von 1931 ist geradezu eine Ikone geworden. Immer wieder variieren Drehbuchautor und Regisseure die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen Menschen zusammenbaut, ihn belebt – meist per Galvanismus – und dann vor seiner monströs geratenen Schöpfung Reißaus nimmt und damit eine Kette katastrophaler Ereignisse in Gang setzt. All diese Versionen gehen letztlich auf einen Roman zurück, der 1818 – zunächst anonym – in London erschien: „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“ von Mary Wollstonecraft Shelley. Seine Vielschichtigkeit erreichen sie allerdings selten oder vielleicht nie. Denn um puren Horror geht es darin nicht, auch wenn die Grundidee tatsächlich eine Gruselgeschichte war: Mitte Juni 1816 saßen die englischen Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, Shelleys damals 18jährige Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Mary und Byrons Leibarzt und Reisebegleiter John William Polidori in einer Villa am Genfer See, während es tagelang in Strömen regnete. Die Protagonisten der literarischen Romantik unterhielten sich über neueste naturwissenschaftliche Experimente, über die Möglichkeit, künstliches Leben zu schaffen, lasen einander Gespenstergeschichten vor, die aus dem Deutschen ins Französische übersetzt worden waren und beschlossen dann, selber welche zu erfinden. Bloß Mary wollte lange keine einfallen. Aber dann hatte sie einen Alptraum und ihre Geschichte – und in den folgenden beiden Jahren machte sie ihren ersten Roman daraus.

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