"Ich bin Circe" – Weibliche Irrfahrten durch die Griechische Mythologie

Fast jeder kennt die Irrfahrten des Odysseus, von denen der griechische Dichter Homer in seiner “Odyssee” berichtet. Gemeinsam mit der “Ilias” gehört das Epos sowohl zu den ältesten als auch zu den berühmtesten Dichtungen der abendländischen Literatur. Folgt man der Poetik des Philosophen Aristoteles, ist der Inhalt schnell erzählt: “Jemand weilt viele Jahre in der Fremde, wird ständig von Poseidon überwacht und ist ganz allein; bei ihm zu Hause steht es so, daß Freier seinen Besitz verzehren und seinem Sohn nachstellen. Er kehrt nach schweren Bedrängnissen zurück und gibt sich einigen Personen zu erkennen; er fällt über seine Feinde her, bleibt selbst unversehrt und vernichtet die Feinde”. (Aristoteles, Poetik, 17)

Die Geschichten rund um den griechischen Helden Odysseus, durch dessen List die Stadt Troja nach zehnjähriger Belagerung erobert wurde, und der nochmals zehn Jahre benötigt, um wieder in seine Heimat Ithaka zu gelangen, gehören längst zum Schulstoff. Die Überwindung des Kyklopen Polyphem. Der sowohl betörende als auch unheilbringende Gesang der Sirenen. Die Göttin Kalypso mit der Verheißung der Unsterblichkeit. Oder die Seeungeheuer Skylla und Charybdis. Es sind Mythen, die wir kennen und die in unzähligen anderen Geschichten verarbeitet wurden. Auch die Begegnung mit der Zauberin Circe, welche die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt, gehört zum Stoff der “Odyssee”. Und Circe, die Andersartige, Circe, die Unbeugsame, Circe, die Hexe, ist es denn auch, die im Roman der 1978 in Boston geborenen Altphilologin Madeline Miller zu Wort kommt und nicht nur die Geschichte der “Odyssee” auf ihre eigene Weise erzählt, sondern dem Leser auch die griechische Mythologie aus einem faszinierend neuen, vor allem aber durch und durch weiblichen Blickwinkel präsentiert.

Madeline Miller,
© Nina Subin

Frauke Bodd hat den 2018 bei Little, Brown and Compagny erschienenen Roman für den Münchner Eisele Verlag ins Deutsche übertragen und dabei das Bild dieser mythologischen Gestalt auf wunderbar erfrischende Weise eingefangen. Eines steht bereits nach wenigen Seiten fest: Das Leben von Circe lässt den Leser nicht kalt.

Unsterblich

Als Älteste von vier Geschwistern aus der Verbindung des Sonnengottes Helios und der Meeresnymphe Perse geboren, hat Circe (der Name bedeutet Falke oder Habicht) unter den Angehörigen ihrer Familie keinen leichten Start. Sie ist anders. Das zeigt sich an ihrer Schönheit, die nicht dem von ihrer Mutter gewünschten Grad der Vollkommenheit entspricht, worauf sie Helios kühl pragmatisch erklärt, “lass uns eine Schönere machen”. Vor allem aber ist es ihre Stimme mit dem “jämmerlich dünnen Klang”, durch die sie nicht so recht in das Gefüge der göttlichen Ordnung passen will. Denn obwohl Circe ein unsterbliches Wesen ist, klingt ihre Stimme – wie sie später erfährt – wie die eines Sterblichen. Circe hat keine Freunde. Und auch gegenüber ihren Geschwistern, Aietes, Pasiphaë und Perses fühlt sie sich zumeist fremd, vor allem aber unerwünscht, und so übt sie sich in den ersten Jahrhunderten ihres Daseins in der Beobachtung. “Ich war ein Nichts, ein Stein. Ein Nymphenkind unter abertausend anderen.”

Als der bei den Olympiern in Ungnade gefallene Titan Prometheus zur Bestrafung ins Haus von Helios geschickt wird, ist es Circe, die ihm einen Becher Nektar, das Getränk der Götter, bringt (was unter Strafe verboten ist) und ihn nach den Sterblichen befragt. “Jeder von ihnen ist anders. Das Einzige, was sie gemeinsam haben, ist der Tod.” Später entdeckt Circe die Liebe (zu den Sterblichen) ebenso wie die Eifersucht, den Kampf, das Leid, die Vergebung und die Hoffnung. Dabei kommt sie nach und nach auch ihrem Schicksal auf die Spur, besser gesagt ihrer Begabung. Denn wie ihre Geschwister besitzt auch Circe Zauberkräfte, weswegen sie auf Beschluss von Zeus nach zwei unschönen Vorfällen auf die Insel Aiaia verbannt wird. Ein Ort, der seine ganz eigene magische Kraft besitzt und für sie zum Rückzugsort und zum Gefängnis, zum Paradies und zum Ort des Widerstands gegen Götter und Menschen werden wird.

Unvollkommen

Gerade Circes Unvollkommenheit ist es, die sie in Madeline Millers Roman so sympathisch macht. Man nimmt ihr die Verletzlichkeit ab, die Naivität als junge Nymphe, ihre Faszination für die Sterblichen, die Skepsis gegenüber den Göttern, die Einsamkeit, die Akribie, den Zorn und später auch die Sorge einer Mutter. Mehr und mehr reift sie über die Jahrhunderte hinweg zu einer Frau, die sich sowohl ihrer Stärken als auch ihrer Schwächen bewusst ist. Ein faszinierendes, fast schon höchst modern gemaltes Bild, dessen Verortung in der griechischen Mythologie man beim Lesen dennoch nie in Zweifel zieht.

Ein Beispiel von Circes ambivalentem Charakter ist ihre Beziehung zu Scylla; Madeline Miller hat dafür eine Episode aus Ovids Metamorphosen gekonnt in ihre Geschichte eingewoben. Die Nymphe Scylla macht den von Circe heimlich in einen Meeresgott verwandelten Fischer Glaukos schöne Augen. Ganz betört von Scyllas Anmut, lässt Glaukos die in ihn verliebte Circe abblitzen. Man kann beim Lesen ihre Enttäuschung spüren. Ihr Wunsch nach Vergeltung entwickelt sich jedoch völlig anders als geplant. Nachdem Circe den Saft der gelben Blumen, die aus dem Blut von Kronos (dem Anführer der Titanen und Vater von Zeus) entstanden sind, in das Wasser von Scyllas bevorzugter Badestelle geträufelt hat, verwandelt sich die Nymphe in ein schauriges Meeresungeheuer. “Ich sammelte die Blumen des wahren Selbst ein und trug sie in die Bucht, in der Scylla badete. Ich quetschte die Stiele und leerte ihren weißen Saft Tröpfchen für Tröpfchen ins Wasser. Nun würde es ihr nicht länger gelingen, ihre natternhafte Bosheit zu verbergen.”

Durch die Verwandlung terrorisiert Scylla fortan jene Seeleute, die eine von einem riesigen Wasserstrudel beherrschte Meerenge passieren und verlegt sich darauf, einen Teil der Besatzung mit Haut und Haaren zu fressen. Die Schuld verfolgt Circe fortan durch die Jahrhunderte. “Ich werde nie frei von ihr sein. Sie kann nicht zurückverwandelt werden, jetzt nicht und niemals sonst. Sie wird bleiben, was sie ist.” Am Ende findet Circe, und das ist das Besondere der Erzählung, eine Lösung, sowohl Scylla als auch sich selbst von den Gewissensbissen zu befreien. Eine kreative Lösung, die den Mythos der Zauberin von Aiaia jenseits von Homers Epos auf wunderbar eigene Weise weiterspinnt.

Unbezähmbar

Madeline Miller versteht es mit ihrer Nach- und Neuerzählung des bekannten Circe-Stoffes, der komplexen griechischen Mythologie einen neuen Blickwinkel zu verleihen. Die ganz auf die Person der Circe konzentrierte und in Ich-Form erzählte Geschichte ist spannend, ohne jemals in Nebensächlichkeiten abzudriften oder allzu larmoyant zu werden. Besonders gut hat Miller dabei die Unterschiede zwischen den Göttern und den Sterblichen herausgearbeitet, einen Konflikt, der Circe seit ihrem Gespräch mit Prometheus begleitet. Dass sie quasi zwischen zwei Welten wandelt, macht sie für beide Seiten unberechenbar. Dennoch bleiben sind ihre Reaktionen nachvollziehbar und allzu menschlich. Circe ist im Roman auf ihrer eigenen Irrfahrt. Und man ist als Leser ganz nah dabei, wenn sie etwa vor dem Thron ihres Vaters Helios sitzt und auf ein liebevolles Wort von ihm hofft, wenn sie ihrer Schwester Pasiphaë bei der Geburt des Minotaurus hilft oder aber die Göttin Athene, welche es auf ihren Sohn Telegonos abgesehen hat, in die Schranken weist.

“Ich bin Circe” hat es bereits zum Internationalen Besteller geschafft, wurde bislang in 25 Sprachen übersetzt und von mehreren Redaktionen zum Buch des Jahres gekürt. Ein Buch, das eine Reise in die Mythologie ist, eine Reise in eine Welt von Göttern und Menschen, Schicksal und Bestimmung, eine Reise zu Geschichten und Gestalten, die wir alle kennen oder zumindest schon einmal von ihnen gehört haben. Vor allem aber ist es die Reise einer Frau – der Gegenpart des Homerischen Odysseus. Mit einem neuen, aber wunderbar passendem Ende.

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm

Literaturhinweis:

Madeline Miller. Ich bin Circe. Eisele Verlag: München 2019.

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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