Kosmologie und Literatur III: Kosmologie in Zeiten der Postmoderne. Von Douglas Adams zu Stanislaw Lem

Eines Nachts im Jahre 1971 lag ein junger Brite betrunken in einem Feld bei Innsbruck und schaute in die Sterne.  Bei sich trug der als Anhalter Reisende The Hitchhiker’s Guide to Europe. In diesem Moment kam ihm ein Gedanke, der die Welt verändern sollte: Er sagte sich, dass es eigentlich auch einen Hitchhiker’s Guide to the Universe geben müsste. Die Folge dieser beschwipsten Vision ist, dass es Jahrzehnte später eine wachsende Zahl von Menschen gibt, die sich an einem bestimmten Tag des Jahres mit einem Handtuch in der Öffentlichkeit zeigen. Der besagte Tag ist der 25. Mai, der sogenannte „Towel Day“, an dem man auch Schilder mit der Aufschrift „Don’t Panic“ sieht. Auch T-Shirts mit der Aufschrift „21 is only half the truth“  können gesichtet werden. Die Zahl deutet auf eine andere Zahl, die Suchmaschinen auswerfen, wenn man die Phrase „the answer to life, the universe and everything“ eingibt. Es ist die mysteriöse 42, die durch Douglas Adams eine unerhörte Karriere angetreten hat. Wer von all dem nichts weiß, wird an geistige Zerrüttung denken, doch Kenner genießen diese Hinweise auf Gruppengeist und Schwarmintelligenz. Eingeweihte dürften folgende Eigenschaften mitbringen: Humor, den Sinn für Parodie und Paradox und Freude am Spiel. Wahrscheinlich ist er oder sie auch mit einer freundlichen Natur gesegnet, so wie der leider früh verstorbene Douglas Adams.

Dieser souveräne Umgang mit dem Kosmos als einer Anhaltersaga wäre undenkbar, wenn nicht die alten Heldengeschichten und Science Fiction-Epen ihre Grenze erreicht hätten, jenseits derer sie nur noch parodierbar sind. Das trifft auf die sogenannten Großen Narrative der Menschheit in der Moderne generell zu. Die Großen Erzählungen sind, wenn sie es je waren, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr haltbar, ob es sich nun um die faschistische, die kommunistische oder die rein positivistisch-wissenschaftliche Welterklärung handelt. Auch die Religionen haben, zumindest bei Intellektuellen im Westen, ihre Prägnanz verloren. Jean-François Lyotard verkündete den Tod dieser Großen Erzählung, so wie Roland Barthes den Autor sterben und stattdessen  nur noch anonyme Rezeptions- und Leseweisen gelten ließ. Nietzsches „Gott ist tot“ bekam so ungeahnte Aktualität und erfuhr eine Umsetzung ins Irdische. Das alles sind bekannte Signale der Postmoderne geworden. Die Literatur lebte weiter, nur begann sie viel mehr zu spielen, sich selbst zu reflektieren und Spaß an den eigenen Strategien zu entwickeln, möglicherweise auch, wie Kritiker monierten, weil sie sich von der Realität abwandte. Doch dieses Argument muss schon daran scheitern, dass keiner mehr genau weiß, was ‘diese Realität’ eigentlich ist. Im Zeichen der Digitalisierung leben wir zeitweise länger in virtuellen Welten, in Datenströmen und Bildschirmen, als in dieser realen Welt. Unsere Gehirne sind direkt eingebunden in die elektronischen Medien, und wir verbringen mehr und mehr Zeit mit Kommunikation. Die “Realität” erhielt weitere Anführungszeichen im 20. Jahrhundert, und zwar gerade durch die Naturwissenschaften, die doch als Hort des Soliden und Berechenbaren angesehen waren. Quantenphysik und Relativitätstheorie entzogen dem gesunden Menschenverstand, der schon so seine Schwierigkeiten mit dem kopernikanischen Weltbild hatte, die letzten Grundlagen. Die Atomphysik war nur ein Auftakt gewesen, doch schon damals, um 1910, erfuhren sich Autoren und Intellektuelle als verändert. Henry Adams, der amerikanische Historiker und kulturkritische Essayist, beklagte in seiner Autobiographie The Education of Henry Adams (1907), wie ihm die Welt unter dem Ansturm von Röntgenstrahlen und Radioaktivität zerfiel, und Kandinsky erging es nicht anders. Um den Dezember des Jahres 1910 herum, so formulierte Virginia Woolf pointiert in einem Essay, habe sich die Natur des Menschen selbst geändert. Hugo von Hofmannsthals „Ein Brief“, den er Lord Chandos zuschrieb, erschien 1907 und kann als Bericht über den Zerfall aller Weltanschauung gelesen werden. Andere Narrative erschienen inhuman. In den 20er und 30er Jahren war die Idee der Eugenik auch in angelsächsischen Ländern höchst relevant. H.G. Wells, Olaf Stapledon und viele andere Intellektuelle bekannten sich zur genetischen Planung. Man nahm die Wissenschaften ernst und glaubte ihnen aufs Wort. Dieser Wissenschaftsfundamentalismus, auch Szientismus genannt, hat nach dem Zweiten Weltkrieg weniger Chancen, denn inzwischen haben die Wissenschaften ihre schwarzen Seiten veröffentlicht. Erwin Chargaffs Attacken auf die Parole „Fortschritt durch Wissenschaft“ sind bis heute lesenswert, zumal der Molekularbiologe von Karl Kraus beeinflusst wurde. All diese Zweifel am Wert einer wissenschaftlich kontrollierten Welt bringen in der Postmoderne etwas Neues hervor: Wissenschaft wird als ein unleugbares Faktum in der Kultur erkannt, zugleich aber als eines, das ständig befragt und parodiert werden sollte, um ihm die Kraft einer alles erklärenden Erzählung zu nehmen. Reine Wissenschaft lässt sich mit dem Mythos bekämpfen und in Frage stellen, denn sie hat sich selbst als mythisch entlarvt – jedenfalls in mancher Hinsicht. Mythische Rückführungen alleine reichen jedoch nicht aus, Verblendungen aufzuheben. Es tritt ein weiteres Element ein, man könnte es „unterhaltsame Reflexion“ nennen oder eben Humor. Ein spielerischer Umgang mit Kosmologie ist die Folge, Witz lautet das Signal. Außerdem wimmelt es darin von Anspielungen: Wer parodiert, muss die Vorlage kennen und einführen. Humor und Intertextualität sind also die Kennzeichen dieser dritten Variante des Umgangs mit Kosmologie in der Literatur. Man mag ihnen Beliebigkeit und Konstruktion vorwerfen, aber gerade dadurch erhalten sie ein sehr humanes Element.

Eben das Humanisierende ist es, was die Fans von Douglas Adams’ Anhalter-Bänden so fasziniert, die mit einem BBC Hörspiel 1978 begannen und von denen über 15 Millionen Exemplare in Buchform verkauft wurden. Es beginnt ja mit einem sehr typischen Problem des späten 20. Jahrhunderts – eine Umgehungsstraße wird gebaut und dafür müssen Wohnsiedlungen fallen. Nur ist die Umgehungsstraße kosmischer Art und die ganze Erde soll ihr geopfert werden. Damit beginnen die Abenteuer von Arthur Dent und Ford Prefect, der sich als Außerirdischer entpuppt und dabei ist, Informationen für den Hitchhiker’s Guide, jenem Standardwerk, das von einer gigantischen Verlagsgruppe von Ursa Minor Beta herausgegeben wird, zu aktualisieren. So lernen sie die etwas beschränkten und eher böswilligen Vogonen kennen, mit deren Raumschiff sie eine Zeitlang fliegen und deren Lyrik die drittschlechteste des Universums ist. Die Abenteuer der beiden sind chaotisch und skurril. Wichtig sind aber gewisse Erkenntnisse, etwa, dass die Erde ein Supercomputer ist, der geschaffen wurde, um für die Antwort, die ein anderer Computer auf eine Frage gefunden hat, nämlich 42, die entsprechende Frage zu finden. 42 ist nicht gänzlich Adams’ Entdeckung, denn die Zahl geistert schon durch frühere Literatur, durch die Kabbala ebenso wie durch Lewis Carrolls Alice-Bücher. In der Tat hat Adams’ große Serie, von der 1992 der letzte Teil „Teil 5 der vierbändigen Trilogie“ erschien, viel mit den Werken des Oxforder Mathematikers und Autors phantastischer Werke gemein, insbesondere jene Mischung aus Präzision und Absurdität. In Alice etwa gibt es „Regel 42: Alle Personen, die höher als eine Meile sind, haben den Gerichtssaal zu verlassen.“ Dazu gehören auch bei beiden zahlreiche Anspielungen auf zeitgenössische Literatur, Geschichte und Politik, auf Philosophie und Kosmologie. Adams, der auch für die Dr. Who- Serie und Monty Python arbeitete, beginnt seinen Roman mit diesen Worten:

“Weit draußen in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis leuchtet unbeobachtet eine kleine gelbe Sonne. Um sie kreist in einer Entfernung von ungefähr achtundneunzig Millionen Meilen ein absolut unbedeutender kleiner, blaugrüner Planet, dessen vom Affen stammende Bioformen so erstaunlich sind, dass sie Digitaluhren immer noch für eine unwahrscheinlich tolle Erfindung halten.” (Adams 13)

Einen etwas weniger humorvollen, dafür aber ähnlichen kosmischen Zoom hatte schon Nietzsche benutzt, als er seinen oft zitierten Essay „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ eröffnete: “In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der ‘Weltgeschichte’: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mussten sterben. – So könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben.” (Nietzsche 875)

Derart beginnt Nietzsche seine Gedanken über die Relativität menschlichen Denkens und dessen Abhängigkeit von Metaphorik. Gottlos sind beide Visionen, die von Adams wie die von Nietzsche. Adams hat sich seinerzeit mit Richard Dawkins, dem atheistischen Biolgoen verbündet und der Anthropozentrik des Menschen in gewohnt humoristischer Form seine Absage erteilt. Der Mensch sei wie eine Pfütze, schrieb er, die eines Tages aufwacht und feststellt, wie wunderbar alles passt und für sie gemacht zu sein scheint. Dawkins widmete daher 2006  dem kurz zuvor verstorbenen Adams sein Buch The God Delusion, das bis heute international kontrovers diskutiert wird, sozusagen als Bibel des modernen, wissenschaftlich geprägten Atheismus. Beide erkennen im anthropischen Prinzip nur eine höhere, vielleicht sogar mathematische Form des menschlichen Narzissmus. Ob das Universum nun die Telefonnummer 42 hat oder, wie Astronomen behaupten, eher eine sechsstellige Nummer (zu denen die der vier Grundkräfte gehören) – weder Dawkins noch Adams sehen darin die Bestätigung für ein kosmisches Telegrafenamt oder gar für den Erfinder dieser Nummer. Adams ist daher ein interessantes Beispiel dafür, dass Literatur eine Anregung sein kann, wissenschaftliche Modelle bis in ihre Absurditäten hinein durchzudenken. Die Wissenschaft bedankte sich bei ihm mit der Benennung eines Asteroiden. Man gab diesem, als er entdeckt wurde, den provisorischen Name 2001 DA42. Der Zufall (oder das anthropische Prinzip) wollte, dass dieser Code das Todesjahr und die Initialen von Douglas Adams enthielt sowie mit der magischen 42 garniert war. So beschloss man, den Asteroiden auf den permanenten Namen 25924 Douglasadams zu taufen, in Erinnerung an einen genialen Geist, der den Menschen half, über ihre eigene Dummheit zu lachen. In derselben Benennungsrunde wurden weitere Asteroiden geehrt, nämlich mit den Namen von General von Clausewitz, von Mary Wollestonecraft – der Feministin und Mutter von Mary Shelley – und dem der Chemikerin und verkannten Mitentdeckerin der DNA, Rosalind Franklin. Übrigens flog schon Jahre vor Adams’ Asteroiden ein Asteroid mit dem Namen seiner irdischen Hauptfigur Arthur Dent in den galaktischen Weiten. Sein Entdecker, dem er seinen Namen verdankt, war ein deutscher Astronom.

Und was ist mit dem Handtuch? Ein Handtuch ist seit Douglas Adams’ Zeiten unabdingbares Gepäckstück eines jeden Trampers in der Galaxis. Wer von Vorbeifahrenden als Anhalter mit einem Handtuch gesehen wird, hat sofort gute Karten, denn die Fahrer wissen, dass es sich um eine Person handelt, der man alles zutrauen sollte. Wer sonst wagte es, sich nur mit einem Handtuch durch das Universum zu bewegen? Wer ein Handtuch hat, hat eigentlich alles, außer was er vielleicht verloren hat und was jeder Fahrer ihm gerne geben wird (Zahnbürste, Seife, Kekse, Mückenspray, Kompass, Astronautenanzug usw.) Das Handtuch ist daher die beste Visitenkarte, die man sich denken kann, gleich in welchem Sonnensystem. Wer dann noch den Guide mit sich trägt, auf dem in „großen, freundlichen Buchstaben“ geschrieben steht: „DON’T PANIC“, dem kann nichts mehr passieren. Der SF-Autor Arthur C. Clarke war der Überzeugung, dass diese Worte der beste Ratschlag seien, den man der Menschheit geben könne. Und darin liegt vielleicht der Erfolg dieser merkwürdigen Buchserie: dass es dem Autor gelingt, eine gottferne, ja sinnlose Welt mit guter Laune zu bestehen.

In mancher Hinsicht ist er darin seinem Zeitgenossen Terry Pratchett ähnlich, der mit seiner Scheibenwelt Mythologien und Kosmologien der gesamten Menschheitsgeschichte aufs Korn nimmt, immer witzig, aber auch manches Mal tiefgründig. Beiden dient der Humor im Umgang mit einer immer komplexeren Welt und der sich in ihr entwickelnden Wissenschaft. Zugleich besiegeln sie das Ende von einseitigen Ideologien und Welterklärungsmodellen. Ihr Humor ist immer auch anarchischer Natur und gibt den Bürokraten ebenso wenig eine Chance wie den Fanatikern.

Es scheint, als sei die Zerstörung von ideologischer Blindheit eine Stärke vor allem der angloamerikanischen Literatur. Gerne vergisst man bei solchen Beobachtungen diejenigen, die diese Blindheit erstens am eigenen Leib erlebten und zweitens ihr den eigentlichen Todesstoß versetzten. Gemeint sind ost- und mitteleuropäische Autoren. Dabei spielte die Kosmologie eine gewichtige Rolle, denn an ihr entscheiden sich Weltanschauungen. Der Autor, der sich am intensivsten wissenschaftlich und literarisch mit dem Kosmos auseinandersetzte, war ein Pole, nach dem inzwischen nicht nur ein Asteroid, sondern auch ein Forschungssatellit benannt wurde und dessen Namen das Apollo Mondmodul trägt: Stanisław Lem. Der polnische Autor, der sich im Roman wie im Essay einen Namen machte, ist wohl der phantasie- und zudem bildungsreichste Erfinder von kosmischen Geschichten. Bis heute wird der in Lemberg 1921 Geborene in Polen hoch verehrt – in seinen letzten Jahren (er starb 2006 in Krakau) machte er sich noch einmal einen großen Namen als Kolumnist zu Problemen der Zeit. Die Science Fiction hat er unendlich bereichert, nicht zuletzt durch Reflexion. Seine Romane und Erzählungen umspannen alle Möglichkeiten menschlichen und planetarischen Daseins. Er hat alle Themen behandelt, zum Teil auch entdeckt, mit denen heute Kinobesucher traktiert werden: Unsichtbarkeit, Roboter, Identitätsverlust oder –vervielfachung, Zeitreisen, Clonen, Nanotechnik, Gehirn und Neurologie, Rüstungswahn, letzte Menschen, künstliche und fremde Intelligenzen oder alternative Geschichtsverläufe. Genüsslich stellte er einmal fest, die Deutschen hätten, solide wie sie seien, seine sämtlichen auf Deutsch erschienenen Werke einer Computeranalyse unterzogen, um herauszufinden, welche seiner phantastischen Ideen inzwischen Wirklichkeit geworden seien. Das Ergebnis war, dass ein guter Teil schon realisiert, der andere im Zustand von Hypothesen weiterhin virulent sei (Lem 1984, 311).

Lem ist ein tiefgründiger Denker und phantastischer Erzähler, aber vor allem – und darin Douglas Adams verwandt – hat er das Lachen zu einem unverbrüchlichen Teil seiner Literatur gemacht. Ein Humor, der das Kosmische überraschend in das Alltägliche einsprengt. So wird man Spuren des sozialistischen Alltags noch im fernsten Sonnensystem finden. Was zum Beispiel, wenn eine Rakete durch einen Meteor beschädigt wird und die Steuerung ausfällt? Wer im sozialistischen Polen oder in der DDR aufgewachsen ist, wird sich zu helfen wissen, und sei es durch die Vervielfachung der eigenen Person. So geschieht es immer wieder in den Sterntagebüchern des Kosmonauten Ijon Tichy. Der Alltag ist immer ganz nah, die Schwarzen Löcher mitten im Schrebergarten oder im Autohaus.

Tichys Tagebücher sind Berichte über die abstrusesten Reisen, die je ein Mensch unternommen hat und übersteigen noch die Vorstellungsmöglichkeiten eines Lemuel Gulliver, auch wenn dieser ein Vorbild ist. Ijon Tichy wird vorgestellt: Der berühmte Sternenumkreiser, der Kapitän auf großer galaktischer Fahrt, der Jäger von Meteoren und Kometen, der mit nimmermüdem Forschergeist dreiundachtzigtausendunddrei Gestirne entdeckte, Doktor honoris causa der Universitäten beider Bären, Mitglied der Vereinigung zum Schutze kleiner Planeten sowie vieler anderer Gesellschaften, Ritter ungezählter Milch- und Nebelorden wird dem Leser auf den vorliegenden Tagebuchblättern in seiner ganzen Größe als Persönlichkeit gegenübertreten, die solch unerschrockenen Männern vergangener Zeiten wie Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen, Pawel Maslobojnikow, Lemuel Gulliver oder Maître Alkofrybas würdig an die Seite gestellt werden kann. (Zit. in Lem 1976, 64)

Mal muss sich Tichy auf seinen Missionen in eine Maschine verwandeln, um ein Rätsel auf einem bestimmten Planeten zu lösen; ein andermal wird er durch eine Kopie seiner selbst ersetzt. Dann wieder erreicht er einen Planeten, in dem sämtliche Bewohner alle 24 Stunden ihre Berufe, Geschlechter und Identitäten wechseln, oder er testet im Auftrag eines Professors eine Zeitstreckungs- und Zeitraffungsmaschine an, die er an etwas einfachen Organismen ausprobiert. Er muss bald feststellen, dass diese ihn manchmal als göttliches Wesen verehren und dann wieder verfolgen, je nach Einstellung seines Apparates. Mal landet er in einer unbekannten Welt, in der die Menschen ein Wesen namens Ejbom verehren und einen gewissen Rascha fürchten – es sind die Merikaner; Tichy ist halt mitten im Kalten Krieg in den USA abgestiegen. Auch den Sozialismus nimmt er subtil aufs Korn. Ein Planet, der nur aus geordneten geometrischen Mustern, aus quadratischen Platten besteht, fordert seine Neugier heraus. Einst gab es Menschen hier, die sich aufgrund von Eigentumsdenken immer weiter zerstritten hatten. So kamen sie auf die Idee, einer Maschine die Befriedung ihrer Konflikte anzuvertrauen. Die Maschine verarbeitete nach und nach alle Konfliktparteien zu quadratischen Platten und nun ist Ruhe!

Die wenigen Beispiele deuten an, dass es neben der Komik immer auch um philosophische und psychologische und damit auch politische Fragen geht. Die neuesten technischen Errungenschaften, die Lem entweder prophezeit oder einfach voraussetzt, sind nicht nur durch ihre erstaunlichen Fähigkeiten interessant, sondern weil an ihnen Grundfragen des menschlichen Daseins sichtbar werden. Technik, literarisch erdacht oder extrapoliert, wird so zur Äußerung all dessen, was im Menschen selbst sitzt und sonst verborgen geblieben wäre. Vor allem macht er sich lustig über die Gesammelten Werke der menschlichen Dummheit, die wir auch Geschichte nennen. In der 20. Reise wird der Erzähler durch sein Alter ego in das Jahr 2661 geholt, denn die Menschheit schämt sich ihrer schmachvollen Vergangenheit. Mittels eines besonderen Geräts sollen die Fehler und die Schuldigen in der Geschichte verschoben und korrigiert werden, damit diese rückwirkend den Nachkommen ein besseres Bild bietet. Zuvor wird noch an den Vorbedingungen für eine bessere Geschichte gearbeitet, zum Beispiel an einer Entvulkanisierung der Planeten oder einer Geradebiegung der Erdachse. „Die Ergebnisse der Ingangsetzung übertrafen die schlimmsten Erwartungen“ (183). Ozeane verdunsteten, die Oberflächen von Planeten platzten und bildeten, wie im Fall von Mars, die berühmten Marskanäle, auf die dann die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts hereinfielen. Immer wieder kommt es zu sogenannten Chronokollisionen. So wird ein Zeitspritzer eingesetzt, der 1908 als Explosion von Tunguska die Welt mit einem Rätsel konfrontieren wird. Die Zeitingenieure, die für den Erzähler arbeiten, richten bei ihren Korrekturen nur Unheil und Havarie an. Lems kosmologische Begeisterung kennt keine linguistischen Grenzen. Einer seiner Experten, die er verbannen muss, heißt Nardeau de Vinci – ihn schickt er in das 17. Jahrhundert. Harry S. Totteles hält, was sein Name verspricht. Er ist für die historischen Korrekturen zuständig; doch der geplante soziale Wohnungsbau in Ägypten gerät zum Personenkult in Pyramidenform. Ein Mitarbeiter Totteles’ ist der Magister A. Donnai, der Erfinder des Monotheismus, der als Übungsplatz eine entlegene Wüste in Kleinasien erhält. Dort kommt es bald zu großen Ausschreitungen und Katastrophen, weil sich der Magister immer wieder in die Geschichte eines Volkes einmischt, mal mit ferngesteuerten Heuschrecken, mal mit Napalm oder sechzigtausend Tonnen Gerstengraupen.

In der 18. Reise erfahren wir, dass das Universum nur auf Kredit geschaffen wurde, der bald ausgeht. Dem Astronauten obliegt es, noch in letzter Sekunde das Unheil abzuwenden. Dazu wird ein Uratom erdacht, das eine bessere Welt schon vor dem Urknall vorbereiten soll. Leider sind auch hier die Mitarbeiter etwas schusselig oder selbstverliebt. Klar, es ist nicht ganz leicht, in ein einziges Elektron etwas einzuprogrammieren, das sämtliche künftige Entwicklungen vorwegnimmt. Die Vollkommenheiten sind nicht hundertprozentig planbar, zumal das Unvollkommene auch ein wichtiger Bestandteil des Vollkommenen ist. Ob die Chlorophyllisierung aller Menschen eine gute Idee war, sei dahingestellt. Immerhin führte sie zu einer Belaubung des homo sapiens. Doch ein Mitarbeiter, Boels E. Bubb, halb Engländer, halb Holländer, fand die Haare doch zu schade und kopierte sie wieder in das Elektron hinein, wie übrigens alle anderen Scheußlichkeiten, die das Leben des Menschen bestimmen. Der Assistent A. Roth, den einst Heisenberg hinausgeworfen hatte, korrigiert die neuen Pläne, indem er es den Menschen durch eine gezielte Indiskretion ermöglicht, sich mit der Kernspaltung und damit der Atombombe schon im 20. Jahrhundert zu beschäftigen – was eigentlich erst 100 Jahre später vorgesehen war. Und so wurschteln sie alle weiter, bis genau das herauskommt, was schon ist: unsere Welt.

Lems Ruhm wuchs unablässig seit den 1950er Jahren, insbesondere zunächst in den Ländern des damaligen Ostblocks. Seine Gedanken versprachen geistige Befreiung, sie erledigten mit dem Sozialismus auch noch den Kapitalismus und lavierten so geschickt zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Auch Kosmonauten wie German Titow, der nach Jurij Gagarin der zweite Mensch in der Erdumlaufbahn war,  lasen Lem. In einem Vorwort zu Lem schrieb er:

“Die Romane und Erzählungen Lems, einmal durchdrungen von der Romantik der Heldentat, einmal sprühend von großartigem Humor, werden mit Begeisterung gelesen, man kann sich nicht von ihnen trennen. Aber man kann sie auf keinen Fall Unterhaltungslektüre nennen.” (Lem 1976, 142).

In Deutschland gehörte Siegfried Lenz zu seinen Anhängern: Und im Stil des Panoptikums möchte man sagen: Hier gibt’s was zu lesen, Leute; hier gibt’s was zu denken, und wer andere Ansprüche stellt, dem wird der virtuose Sprachschöpfer Lem zu jedem linguistischem Vergnügen helfen. (Lem 1976, 191)

Lem ist ein genialer Bastler, Komiker und Satiriker. Unter seinen Händen wird Kosmologie zu einem Spielzeug. In dieser Hinsicht kann man ihn mit dem deutschen Kosmokomiker Paul Scheerbart vergleichen. Spiel – das heißt in erster Linie für Lem: auseinandernehmen und zusammensetzen. Schon als Kind hat Lem gerne alles auseinandergenommen – Karusselle, Rennautos, Blechvögel oder Puppen: „Ein gedankenloser, abscheulicher Dämon der Vernichtung wohnte in mir.“ (Lem 1990, 32) Eine seiner Erklärungen dafür lautete, er müsse etwas regulieren, reparieren oder untersuchen. Damals mag das eine Ausflucht gewesen sein, später, im Lichte seiner SF-Phantasien wird das schon plausibler. Denn viele seiner Erzählungen drehen sich um solche Inspektionen dessen, was in Maschinen und Menschen eigentlich  als Potential steckt. Was ist denn das für ein Ozean, der den Planeten Solaris bedeckt und die Menschen mit ihren eigenen Phantasmen und Obsessionen, ihren Erinnerungen und Rechtfertigungen konfrontiert? Der Weg führt also zuletzt von der Maschine, dem Ozean oder dem Planeten zurück in den Menschen, der nicht nur Zeuge des Weltalls ist, sondern seiner eigenen rätselhaften Existenz. Auf diese wirft noch jede Kosmologie den Forschenden auf sich selbst zurück. Wie man mit Ideen spielt, das kann hier die Literatur der Wissenschaft vorführen. Sie öffnet ihr damit oft verlorene Freiheitsräume des Denkens.

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel


Literaturhinweise:

Adams, Douglas. The Hitchhiker’s Guide Through the Galaxy. London: Pan 1979. Dt.: Per Anhalter durch die Galaxis. München: Heyne 2009.

Adams, Henry. The Education of Henry Adams. Oxford: Oxford University Press 2008.

Lem, Stanisław. Insel Almanach auf das Jahr 1976. Stanisław Lem – Der dialektische Weise aus Kraków. Hg. von Werner Berthel. Frankfurt/M.: Insel 1976.

—. Sterntagebücher. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1983.

—. Das Hohe Schloss. Deutsch von Caesar Rymanowicz. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1990.

Nietzsche, Friedrich. „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne.“ Sämtliche Werke Band I. München/Berlin: dtv/de Gruyter 1980, 875-890.


© S. Fischer Verlag, mit freundlicher Genehmigung.

Der Text ist erschienen in: Elmar Schenkel. Keplers Dämon. Wechselbeziehungen zwischen Literatur, Traum und Wissenschaft, Frankfurt/M.: S. Fischer 2016

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