Sehnsucht nach und Aufbruch in den Kosmos: Mythische Aspekte der Reise ins Weltall, Teil 1

Seit einiger Zeit rückt die bemannte Raumfahrt wieder verstärkt in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Interesses. Nach den sechs bemannten Mondlandungen zwischen 1969 und 1972 wurden unser Sonnensystem und das Weltall über Jahrzehnte – bis auf die routinemäßigen Besatzungswechsels auf der ISS im Orbit der Erde – nur vermittels immer besserer Satelliten, Raumsonden, inklusive Landefahrzeugen, und Weltraumteleskopen erkundet. Der technische Fortschritt hat so die Astrophysik immer weiter vorangebracht, allerdings den Menschen mit seinem physischen Leib erstaunlicherweise nicht weiter hinaus in unsere kosmische Umgebung. Diesen Umstand zu ändern, haben sich seit etwa zehn bis zwanzig Jahren staatliche Stellen verschiedener Nationen, aber auch private Investoren verschrieben. Die Ziele sind hoch gesteckt, nicht nur geht es um eine erneute bemannte Landung auf dem Mond 2024 und die eventuelle Errichtung einer Mondbasis, sondern weiter sind ähnliche Operationen sogar auf den Mars angedacht. Neben den wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Details, die hier von Bedeutung sind, wohnt solchen Vorhaben durchaus auch ein genuin mythisches Moment inne.

Im Vorfeld nicht ganz verzichtbar: Eine ganz knappe mythentheoretische Erläuterung

Vielleicht ist man geneigt, eben dieses mythische Moment der Raumfahrtidee zunächst abzusprechen, da die Reise ins All doch eher dem neuzeitlich-promethisch-faustischen Geist entspränge, der sich ja vom mythischen Denken emanzipiere und auf seine eigenen Fähigkeiten, seinen eigenen Mut und die von ihm erschaffenen technischen Hilfsmittel verließe. Aber letztlich kann er sich doch nicht gänzlich vom Mythos lösen und es würde ein nicht unwesentlicher mythischer Kern zurückbleiben. Insofern man Mythos als Erzählung über Ereignisse und Taten von Göttern, numinosen Wesen oder Helden versteht, schneidet auch das faustische Individuum in Form des Astronauten diese Kategorie, da es sich bei ihm zweifelsohne um solche eine heldenhafte, vielleicht gar übermenschliche Figur handelt, die ihre abenteuerlichen Unternehmungen vollzieht.

Es ist hier entsprechend auch der Übergang zu einem neomythischen Charakter eines solchen Astronauten im Sinne von Linus Hauser möglich: Indem der Mensch sich zur Vorbereitung seiner Unternehmung zunächst einer strengen Selbstoptimierung unterwirft, in Folge die von Natur aus gegebenen Grenzen überschreitet, sich vom Menschlichen entfremdet, ja vielleicht sogar sich selbst zu vergöttlichen sucht oder seine Endlichkeit bezweifelt. Eine Form von Allmachtsphantasie stände so im Vordergrund (vgl. die Definition bei Hauser 2004-2016, Bd. 1, S. 25). Im Gegenteil dazu rückt im genuin mythischen Ansatz die Begrenztheit und Geworfenheit des Menschen in den Mittelpunkt, was seine Stärke zwar nicht ausschließt, diese aber nicht das Bestimmende ist und er abhängig bleibt, sei es vom Zufall, vom Schicksal oder vom göttlichen Wirken – oder einfach von der Natur und den anderen Menschen. In modernem Kontext spricht Novian so von einem „Retromythos“, der „aus einem kritischen Reflexionsvollzug“ erwachsen ist und ein „Sich-Beziehen auf die Endlichkeit […] im Bewusstsein der Grenzen menschlich-technischen Fortschrittvollzugs“ bedeutet (zitiert nach Schrödter in „Mythos und Neomythos“ 2016, S. 180).

Als der Kosmos noch ein anderer war: „Raumfahrt“ in griechischen Mythen

Um eine mögliche Sorge auszuräumen: Es wird im Folgenden nicht um eine „präastronautische“ Lesart alter Überlieferungen gehen. Dazu gemahnt Ockhams Rasiermesser. Vielmehr sei eine ganz kurze Auswahl an tatsächlich vorhandenen Motiven von Reisen zum Himmel oder in den Kosmos wiedergegeben bzw. auch solche genannt, die heute erzählerisch leicht von der Horizontale in die Vertikale übertragen werden können.

Ganz grundsätzlich gehören der Blick zum Himmel und die Frage nach der Beziehung des Menschen zu ihm, wie auch die Empfindung bei aller Unerreichbarkeit doch mit ihm verbunden zu sein, wohl zu den Urbeständen menschlichen Bewusstseins. Und auch die Reise in den Raum bzw. zu dem, was für gewöhnlich unerreichbar über uns ist, ist kein ausschließliches Thema der Moderne. Zu erinnern ist hier als erstes an die Geschichte von Daidalos, dem Handwerker und Erfinder und seinen Sohn Ikaros. Für die Flucht aus der Gefangenschaft bei König Minos von Kreta versenkte sich Daidalos „in unbekannte Künste“ und schuf „die Natur neu“ (Ovid, Metamorphosen Buch 8, Z. 188-189), indem er zwei Paar künstliche Flügel für sich und seinen Sohn Ikaros konstruierte. Die Flucht gelang zwar, doch Ikaros schlug die Warnungen seines Vaters in den Wind, berauscht davon, dass er fliegen konnte. Er flog immer höher und höher, sodass seine Flügel schließlich durch die Sonne zerstört wurden, er ins Meer stürzte und ertrank (im übrigen ein Lehrstück für den Protagonisten Menippus in Lukians, Ikaromenippus, S. 114, der es dann besser zu tun wusste).

Eine ähnliche Selbstüberschätzung ist in der Erzählung über Phaethon vorzufinden, der als Sohn von Helios das Geschenk erbat, den Sonnenwagen einmal über den Himmel lenken zu dürfen. Bekanntermaßen beachtete auch Phaethon die eingehenden Warnungen seines Vaters nicht (diese erstreckt sich über 53 Zeilen! Ovid, Metamorphosen 2. Buch, Z. 49-102). Sein Vorhaben misslang ihm, seine Fähigkeiten und seine Kraft reichten zur Kontrolle der Pferde nicht aus, der Sonnenwagen drohte alles zu verwüsten, und Zeus stoppte Phaethon mit einem Blitzschlag. Während der Aspekt des nicht angenommenen väterlichen Rats, die Selbstüberhöhung, also der Versuch seine eigenen Grenzen zu überschreiten und den Himmel zu durchmessen, einschließlich des damit einhergehenden schlimmen Ausgangs in beiden Mythen aufgegriffen wird, kann letztere Erzählung zusätzlich noch die Lesart der poetischen Darstellung einer kosmischen Katastrophe beanspruchen. Überhaupt kann man im Falle von Phaeton eher und tatsächlich von einer Fahrt in den Kosmos (nach antiker Vorstellung) sprechen. Phaeton fliegt – zumindest in der Fassung von Ovid – nicht nur einfach hoch am Himmel, sondern müsste die „Kreisbewegung des Alls“, gerade nahe der Himmelspole, meistern (ebd. 2. Buch, Z. 73-75), durchquert die Sternbilder (vgl. bspw. ebd. Z. 170-177 und 193-200), stößt gar an die Sterne der obersten Sphäre (ebd. Z. 205) und nimmt negativen Einfluss auf offenbar sämtliche kosmischen Gegebenheiten, besonders natürlich auf die der Erde (ebd. Z. 210-277). Bemerkenswert ist, dass all die verheerende Ohnmacht einem rein göttlichen Abkömmling widerfährt, der dadurch nur allzu menschlich erscheint.

Um noch kurz in der griechischen Tradition zu verbleiben: Interessanterweise bietet Homers „Odyssee“, obwohl der Sciene-Fiction-Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick sich namentlich direkt an sie anlehnt, eigentlich keine Bezugspunkte zu einer kosmischen Fahrt. Bis auf das Motiv der Irrfahrt auf dem Weg nach Hause, welches freilich auf den Weltraum übertragen werden kann, ist die Reise von Odysseus vielmehr eine solche auf dem irdischen Meer, die den Gutdünken der Götter und dem Einfluss der terrestrischen Unbilden unterworfen ist. Das Thema einer Reise zum Himmel spielt darin keine Rolle.

Horizontal-vertikale Übertragbarkeiten: Das Alte Testament

Ähnlich der Odyssee verhält es sich mit der alttestamentarischen Arche Noah: Sie wird zwar im Rahmen einer großen irdischen Katastrophe erbaut – der immer etwas Kosmisches eigen ist – doch sind hier keine Elemente einer Himmelsfahrt eingebunden, wie überhaupt von einer gerichteten Reise nicht gesprochen werden kann. Aber auch hier kann das Motiv eines das Leben der Erde rettenden Schiffes in den Weltraum projiziert werden (bspw. am Ende von „Interstellar“ aufgegriffen). Im Falle des Judentums kann man zusätzlich einen Topos vorfinden, der die zielgerichtete physische Reise im Raum dann im engeren Sinne impliziert: Die Verheißung des gelobten Landes (Ex. 3,8). Der Auszug aus den bisherigen Verhältnissen, die 40 (!) Jahre dauernde Reise mit enormen Schwierigkeiten (inneren wie äußeren) und schließlich die Ankunft an einem erkämpften Ort der Fülle bilden, zwar ursprünglich horizontal-irdisch gedacht, aber nichtsdestoweniger ein Motiv, das auch in der Gegenwart sowohl in der Sciencefiction als auch in Astronomie und Raumfahrt eine mehr oder weniger große Rolle spielt und eine durchaus neomythische Prägung erfährt. Die in den letzten Jahren stark fortgeschrittene Erforschung von Exoplaneten ist sehr wesentlich von der Motivation geprägt, womöglich eine „zweite Erde“ zu finden und auch der Gedanke zu einer möglichen Besiedlung in sehr langfristigen Zeiträumen steht hier im Hintergrund. Diese Forschung wie auch die Erforschung der Planeten unseres Systems zeigen aber bisher, dass eine solche „gelobte Erde“, wie die, auf der wir leben, eher eine Seltenheit ist und die uns erreichbaren Himmelskörper bestenfalls lebensfeindliche, sehr entbehrungsreiche Einöden darstellen. Derart fänden wir uns dann in der klassischen mythischen Geworfenheit wieder.

Gerafft: Was lässt sich aus den genannten Beispielen entnehmen?

Die sehr kurz ausgeführten Beispiele könnten präzisiert und mit weiteren interessanten Exempeln (so der schon genannte Lukian, Ikaromenippus oder Wahre Geschichten) erweitert werden, auch aus anderen Traditionen. Was daraus ersichtlich wird, ist, dass – gemäß den zwei erst genannten Beispielen – die Vorstellungen von einer Reise zum Himmel, auch als kosmischen Raum gedacht, auch im Altertum schon vorhanden waren, freilich im damaligen kosmologischen Kontext. Bei den Erzählungen zu Ikaros und Phaeton lag dabei der Schwerpunkt letztlich auf dem moralischen Grundtenor, d. h. auf dem Scheitern oder die Bestrafung des Übermuts, welcher die Akteure in ihrem Verlangen nach der Vertikale ergriff. Mit den Beispielen der Odyssee, der Arche Noah und des Exodus’ wurde auch das Motiv der irdisch-horizontalen, langen Reise zur Heimat, sei es nun zurück zur angestammten oder zu einer neu verheißenen, aufgenommen und dessen leicht mögliche Verschiebung ins Weltall angedeutet. Es ist anzumerken, dass in letzteren Erzählungen die eingeschlossenen Hindernisse ohne göttliches Eingreifen nicht hätten gemeistert werden können, ja die Reisen überhaupt göttlich initiiert und beeinflusst, mithin also von genuin mythischer Prägung sind.

Zu fragen bleibt, wie diese Punkte in neueren Erzählungen behandelt werden und wie bzw. wo eine Übertragung erfolgt. Denn die kosmologischen Vorstellungen und das Wissen über den Weltraum haben sich vor allem seit Kopernikus so erheblich und kontinuierlich verändert, dass hier zwar noch auffällige strukturelle Parallelen hinsichtlich der Denkgrundsätze vorgefunden werden können (vgl. die Hinweise von Meurers 1984, S. 7-25). Aber das, was wir heute unter eine Reise zu den Sternen verstehen, unterscheidet sich doch erheblich von dem, was alte Mythen erzählen. Den mythischen oder neomythischen Motiven in zeitgenössischen Erzählungen also nachzuspüren und den Beitrag zum Abschluss zu bringen, wird Aufgabe des zweiten Teils werden.

Ein Beitrag von Dr. Markus Walther

Eingangsbild:

Fotografie der Plejaden, mit freundlicher Genehmigung von Christian Högner, Thüringer Landessternwarte Tautenburg.

Literaturhinweise:

Hauser, L., Kritik der neomythischen Vernunft, 3 Bd., Paderborn 2004-2016.

Lukian, Ikaromenippus in: Werke in drei Bänden,  Berlin-Weimar 1974; Bd. 1, S. 113-135.

—, Der wahren Geschichte erstes Buch, in: Werke in drei Bänden, Berlin-Weimar 1974, Bd. 2, S. 301-325.

Meurers, Joseph, Kosmologie heute, Darmstadt 1984.

Ovid, Metamorphosen, Stuttgart 1994.

Schrödter, H., Naturwissenschaft als Erzählung? Grenzbegriffe als logischer Ort neomythischer
Vernunft und ihrer Kritik, in: Autorenkollegium (Hg.), Mythos und Neomythos –
Signaturen des Zeitgeistes, Paderborn 2016; S. 179-192.

Filmreferenzen:

2001 – Odyssee im Weltraum, Regie: Kubrick, Stanley, 1968.

Interstellar, Regie: Nolan, Christopher, 2014.

 

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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