Sehnsucht nach und Aufbruch in den Kosmos: Mythische Aspekte der Reise ins Weltall, Teil 2

In Teil 1 des Beitrags hatten wir kurz in antiken Mythen und alttestamentarischen Erzählungen einige Motive aufgespürt, die direkt die „Raumfahrt“ beinhalten oder leicht von der Irdisch-Horizontalen auf die Vertikale übertragen werden können. Ihr mythischer Charakter war dabei mehr oder weniger offenbar. Bei den Akteuren handelte es sich um göttliche Wesen oder heldenhafte Menschen. Sie waren entweder den Bedingungen einer kosmischen Fahrt nicht gewachsen und aufgrund ihrer Selbstüberschätzung zum Scheitern verurteilt oder durch göttliches Eingreifen gekrönt von Erfolg, wie überhaupt die geschilderten Reisen sich fast immer einer göttlichen Initiierung verdankten. Zu umreißen, auf welche Art und Weise nun moderne Erzählungen der Science Fiction ebenfalls einen (neo)mythischen Charakter tragen, ist Aufgabe der folgenden Ausführungen. Die hierbei angeführten Beispiele können freilich nicht in extenso vorgestellt werden. Insbesondere muss von einer breiten inhaltlichen Darstellung (die für den geneigten Leser eventuell von Vorteil wäre) aus Platzgründen abgesehen werden, sodass der Fokus auf die zentralen Motive gelenkt wird.

Der Mensch im Weltall: Kein Raum für ihn?

Neuere Erzählungen, die gemäß unserer kurzen Erläuterungen als mythisch bzw. „retromythisch“ gelten können, sind oft dadurch geprägt, dass in ihnen das Weltall eben nicht der Raum der Erfüllung für den Menschen ist. Vielmehr wird er als ein leerer, lebensfeindlicher „Ort“ dargestellt, dessen sich der Mensch zunächst zu bemächtigen scheint, dann aber doch von den zahllosen Unwägbarkeiten, teils auch numinosen Aufbrüchen gleichsam niedergestreckt wird und nur knapp entrinnt.

Als erstes Beispiel soll der Film „Event Horizont“ (1997) dienen. Er nimmt optisch, motivisch und im Szenenaufbau viele Anleihen bei anderen Filmen, stellt mithin also keine Art Meilenstein dar. Dennoch ist er kein reiner Abklatsch, sondern behandelt relativ eigenständig das Thema Raumfahrt. Im Film ist es Ingenieuren gelungen, ein Raumschiff zu konstruieren, dessen Generator ein kleines schwarzes Loch, mithin ein Wurmloch, erzeugt. Die Raumzeit würde dadurch gleichsam gefaltet und äußerst lange kosmische Strecken im Nu überwunden. Als diese Form der Technik eingesetzt wird, bleibt dies aber nicht ohne Folgen: Die Besatzung des Raumschiffes geht in einer Art renaissanceinspiriertem Höllenszenario zu Grunde. Dies kurz, nachdem der des Lateinischen mächtigen Captain die Warnung „Libera te tutemet ex inferis“ („rette Du Dich selbst aus der Hölle“) absetzen konnte und das Schiff über Jahre verschwindet. Nach Wiederauftauchen droht dem Bergungsteam dann dasselbe Schicksal; drei Protagonisten gelingt es aber zu entkommen, bevor das Raumschiff wieder in unbekannte, höllische Dimensionen verschwindet. Zur bequemen Reise in entlegenere Systeme taugt die Technik also offenbar nicht, und der Weltraum zeigt sich als nur in sehr engen Grenzen für den Menschen gefahrlos zu befahren. Vielmehr noch wird herausgestellt, wie der Mensch den kosmischen Bedingungen, die außerhalb seiner eigenen Gestade vorzufinden sind, überhaupt nicht gewachsen zu sein scheint und bei Annäherung daran dem Wahnsinn verfällt. Im Film bleibt dezent ungeklärt, ob dieser psycho-physische Zusammenbruch aus dem Menschen selbst heraus erfolgt oder durch eine Art numinose Gewalt geschieht. Das mythische Scheitern eines Ikaros oder auch eines Phaeton scheint aber so oder so durch: Die Sehnsucht nach dem Kosmos, welche sich zu erfüllen sucht, endet in einem tiefen Fall.

Ähnlich mythisch geprägt ist die deutsch-englische Coproduktion „Pandorum“ (2009). Auch hier wurde abgekupfert, auch hier allerdings eine eigenständige Idee entwickelt (in teils etwas befremdlichen Horror- und Actionsequenzen, etwas mehr Ruhe hätte dem Film gut getan). Den Rahmen bildet in „Pandorum“ das Motiv der Arche Noah: Ein Schiff mit einer nicht geringen Zahl an Menschen und einer ungeheuren Menge an genetischem Material anderen Lebens ist aufgebrochen, um auf einem nahezu erdgleichen Planeten das gelobte Land zu finden, da die Erde hoffnungslos überbevölkert ist. Der Film konzentriert sich dann auf den Aspekt der klaustrophobischen Beschränkung im Schiff, auf die psychischen Ausnahmezustände, die Konfrontation mit einer morbiden Evolution und auf das Spannungsfeld von Überleben und Moral. Mythischen Charakter tragen neben dem genannten Leitmotiv der Arche Noah auch andere Aspekte: So die Geworfenheit der Akteure (sie fallen einerseits tatsächlich sehr häufig, andererseits fallen sie überhaupt und regelrecht in ihr Schicksal), so der Wechsel von Mut und Ohnmacht und die Auseinandersetzung mit humanoiden Monstren in einem labyrinthischen Riesenraumschiff. Schließlich gehört zu den mythischen Charakteristika auch der Aspekt, dass die Rettung gerade nicht einen Akt des „Am-eigenen-Schopf-aus-dem-Sumpf-Ziehens“ ist (genau dies wird uns im nächsten Abschnitt begegnen), sondern eine für Protagonisten wie Zuschauer unerwartete Wendung darstellt.

Der Mensch im Weltall: Der Raum, der ihn rettet?

Das Szenario einer Erde, die dem Menschen nicht mehr genug für dessen Überleben bietet, wird auch in „Interstellar“ (2014) aufgegriffen. Und auch das Arche-Noah-Motiv ist darin präsent. Doch wird es im Gegensatz zu „Pandorum“ anders ausgestaltet und zu einer ganz anderen Konklusion geführt. Doch von Beginn an: Die agrarisch geprägte menschliche Gesellschaft steht am Abgrund, da das Ökosystem Erde stark geschädigt ist. Ein geheimes NASA-Projekt arbeitet deswegen an der Prüfung möglicher bewohnbarer Planeten in einem nicht weit entfernten Sternensystem, erreichbar durch ein wundersam „platziertes“ Wurmloch in der Nähe des Saturn. Die Helden des Films ergründen nun das Schicksal der ersten, zur Aufklärung dahin geschickten Astronauten. Am Ende stellt sich nur oder wenigstens einer der Planeten als einigermaßen habitabel heraus. Das rückt aber vermittels einer Handlungswendung durchaus in den Hintergrund: In einer Rettungsaktion stürzt der Held des Films in ein schwarzes Loch und gelangt – statt zu Tode zu kommen – in einen Tesserakt (in einen vierdimensionalen Hyperwürfel) hinein, den zukünftige Menschen konstruiert und (wie schon das Wurmloch bei Saturn) platziert haben. Dort hat er gleichsam einen „Zeitenüberblick“ und der ihn begleitende Roboter sammelt eine Unmenge an ebenfalls dort hinterlegten Informationen. Diese übermittelt der Held seiner Tochter in der Vergangenheit, was schließlich die Konstruktion von riesigen, die Menschheit rettenden Raumschiffen ermöglicht. Unabhängig der typischen problematischen Selbstreferenzialität, die das Motiv der Zeitentgrenzung mit sich bringt, findet sich im Kern von „Interstellar“ eben genau jenes „Am-eigenen-Schopf-aus-dem-Sumpf-Ziehen“, welches in „Pandorum“ nicht erfolgte. Die Menschheit hat sich aus der Zukunft heraus selbst errettet, indem es ein Wurmloch platziert und das Wissen über fortgeschrittene Technologie zur Verfügung gestellt hat. Die zentrale Rolle der Technologie, vor allem aber die Selbstermächtigung zur Allmacht über Zeit und Raum geben „Interstellar“ letztendlich ein ganz klar neomythisches Gepräge.

Zum Abschluss: Mythische oder neomythische Charakteristika

Am Ende unserer Ausführungen zeigt sich, dass wir in modernen Erzählungen zum einem Entwürfe vorfinden, die wesentlich mythischer Natur sind und Strukturen und Motive der abenteuerlichen Reise und Raumfahrt ausgestalten, wie sie teilweise schon in der Antike begegnet sind. Dies geschieht zwar gemäß des heutigen Entwicklungsstandes der Menschheit, doch spiegeln sie gleichsam zeitlose Themen des Menschseins darin wieder, wie Hybris, Scheitern oder Erfolg durch numinoses Eingreifen, den Wunsch zu fliegen oder das demütige Staunen vor der Unfassbarkeit des Kosmos. Zum anderen scheinen in den modernen Entwürfen z. T. auch Motive auf, die mit dem Mythos einiges gemein haben, aber doch in eine spürbar andere Richtung weisen. Gemeint sind die nach Hauser neomythisch geprägten Elemente, welche die Themen zentrieren, in denen der Mensch rein durch sich selbst über sich hinauswächst, Scheitern oder Erfolg ganz an ihn allein gekoppelt sind und die Endlichkeit des Menschen, sei es nun als Individuum oder als Gattung, verneint wird.

Zwischen heutiger Science Fiction und den im ersten Teil des Beitrags dargestellten Mythen und Erzählungen bleibt freilich ein großer Unterschied des Rahmens bestehen. Im Gegensatz zur Antike kann heute von einer fortgeschrittenen mathematisch-physikalisch-empirischen Erkenntnis des Kosmos gesprochen werden und letzterer ist auch vermittels moderner Technik in gewissem Umfang erreichbar geworden. Entsprechend verändern sich auch die Erzählungen, die ihm gewidmet sind. Es bleibt aber trotz dieses immer weiter wachsenden wissenschaftlichen Verständnisses des Weltraums dennoch auch dessen Unbegreiflichkeit zurück: Sowohl hinsichtlich der Frage nach Grenzen – wenn man von diesen sprechen mag – und seiner raum-zeitlichen Verfasstheit als auch hinsichtlich der in ihm wirkenden Kräfte und ablaufenden Prozesse. Diese Aspekte werden zwar mehr und mehr physikalisch-mathematisch beschreibbar, fordern die Vernunft aber dennoch immer aufs Neue heraus; auf jeden Fall übersteigen sie das Vorstellungs-, Wahrnehmungs- und Erfahrungsvermögen des Menschen.

Dass dadurch wiederum unser „mythisches Organ“ stimuliert und auch auf dieser Ebene die Sehnsucht nach dem Kosmos geweckt werden kann, liegt nicht fern. Wir sollten uns dann aber im Klaren darüber sein, in welchem Modus wir uns gerade befinden. Schauen wir uns einen Science-Fiction-Film an, mag das vielleicht offenkundig sein. Bei einigen Astronomie- und Raumfahrtdokumentationen, z. T. auch in der öffentlichen Diskussion dieser Themen, verschwimmen aber die Grenzen, so dass Hypothesen, die nicht selten auch (neo)mythologische Züge aufweisen, als wissenschaftlich fundiert dargestellt werden. Es bleibt zu wünschen, dass das eine nicht als das andere ausgegeben wird. Dies kann für das Verständnis des Kosmos und für das des Menschen selbst nur von Vorteil sein.

Ein Beitrag von Dr. Markus Walther

Eingangsbild:

Fotografie der Plejaden, mit freundlicher Genehmigung von Christian Högner, Thüringer Landessternwarte Tautenburg.

Filmreferenzen:

Event Horizont, Regie: Anderson, Paul, 1997.

Interstellar, Regie: Nolan, Christopher, 2014.

Pandorum, Regie: Alvart, Christian, 2009.

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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