Sibirische Mythen – Eine Reise nach Jakutien

Als ich dort hinreiste, wusste ich nur dies: Jakutsk ist die kälteste Hauptstadt der Welt. Dort sollte eine Konferenz zum 175. Geburtstag Nietzsches stattfinden, einem Philosophen also gewidmet, der wusste, was Kälte war. Von Moskau fliegt man ca. 6 Stunden und überquert so manche Zeitzone. Der Flughafen lag wie eine gefrorene Eisprinzessin in der weißen Wüste. Mein Koffer war nicht mitgekommen, aber ich kam in eine warme Wohnung. Meine Gastgeber, eine Philosophin und ein Dirigent sowie ihre Familie tischten nach russischer Art auf! Und ich begann mehr zu erfahren über dieses für uns so unbekannte Land, das offiziell Republik Sacha heißt. Reich an Bodenschätzen, die größten Diamantvorkommen der Erde. Auf den Straßen, mitten in der Stadt, weiße struppige Pferde, wilde Pferde, die im Schnee scharren. Es dampft allüberall in der Kälte, der Atem, der Rauch der Häuser. Jakutien liegt im Nordosten Sibiriens, es ist fast so groß wie Indien und neunmal so groß wie Deutschland.

Meine Gastgeber sorgen für mein geistiges und körperliches Wohlbefinden, mit hundert Geschichten und unbekannten Speisen (darunter auch das sehr beliebte Fohlenfleisch). Im Museum für Ethnologie hören wir Vorträge über das Werk einer deutsch-estnischen Ethnologin, Ulla Johansen, die viel für die Wiederentdeckung der jakutischen Kultur getan hat. Während die Worte fallen, schaue ich mich um und sehe mich umgeben von Vitrinen mit Menschennachbildungen und Artefakten. Mein erster Eindruck: ich bin hier unter amerikanischen Indianern. Die Kleidung, Gesichtszüge, Zelte, Waffen und vieles andere belegen die Verwandtschaft von sibirischer Urbevölkerung und nordamerikanischen Indianern.

Und dann ist da dieser Weltenbaum, der eine Ecke füllt: oben wohnen die Götter und guten Geister, in der Mitte die Menschen und die Tiere, im Wurzelbereich aber die Untiere, Dämonen und Monster. Eine gute Göttin, eine Muttergöttin hilft den Menschen. Was anderes als Yggdrasil, der skandinavisch-germanische Weltenbaum soll das sein? Darauf wies auch gleich die Leiterin des Museums hin. Ein Blick in die Mythen der Welt jedoch zeigt: dieser Weltenbaum ist fast universal. Er findet sich bei den Sumerern (der heilige Baum von Eridu), bei den Maya oder bei den Persern (der Simurgh-Baum, die Mutter aller Bäume, mit der Mutter aller Vögel Simurgh). Mensch und Baum sind auf der Erde untrennbar verbunden. Wir kennen dies auch aus dem biblischen Paradies, wo es gar zwei Bäume gab, einen Baum der Erkenntnis und einen des Lebens.

Wer Genaues wissen will über das Leben im Baum der Jakuten, den drei Reichen darin und den Wesen, die sie bevölkern, der lese das jakutische Nationalepos Olonkh.  Siehe dazu: https://en.wikipedia.org/wiki/Olonkho

Eigentlich ist es nicht ein einziges Epos, sondern ein Zyklus aus vielen Liedern. Anfang des 20. Jahrhunderts existierten in der mündlichen Tradition etwa 300, von denen etwa 17 bislang publiziert worden sind. Die Lieder werden oft stundenlang vorgetragen von einem Sänger, der seine Stimme je nach Sprechenden moduliert. Im Mittelpunkt ist der beliebte Held und Übermensch Nyurgun Bootur der Schnelle. Immer wieder muss er Kämpfe mit den Monstern der Unterwelt bestehen. Russische, jakutische und deutsche Gelehrte haben sich Verdienste erworben bei der Rekonstruktion dieser mythischen Geschichten. Auch viele Wissenschaftler, die nach Sibirien verbannt worden waren, haben sich an dieser Arbeit beteiligt. Insgesamt ist das Epos im Kontext der Turk-Mythologie zu sehen, also der Turkvölker, die von Zentralasien aus viele Länder eroberten und besiedelten. Man müsste einmal Vergleiche anstellen mit dem türkischen Epos Dede Korkut, ebenso mit tibetischen und mongolischen Epen. Ein Jakute erzählte mir, wenn er in der Türkei Urlaub mache, könne er problemlos auf jakutisch mit den Türken reden, man verstehe sich gegenseitig. Die Türken fanden nur etwas komisch, dass er in einem so alten Dialekt sprach. Die Jakuten und Türken waren nach einer gemeinsamen Zeit die letzten tausend Jahre getrennt, und so haben die Sibirier die alte Sprache mitgenommen und konserviert – ähnlich wie bestimmte Auswanderer das alte Deutsch nach Amerika mitgenommen haben.

Nach der russischen Kolonialisierung Sibiriens ist hier die orthodoxe Kirche dominant (mit Unterbrechung in der Sowjetzeit natürlich). Dennoch praktiziert man religiösen Multikulturalismus – ich war in einer katholischen Kirche zu einem Orgelkonzert, und es gibt einen buddhistischen Tempel. Auch Muslims gehören zu den Einwohnern. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Schamanismus zurückgemeldet. Letztes Jahr zog ein jakutischer Schamane, so nannte er sich wohl, mit Leiterwagen Richtung Moskau. Er wollte den Zaren exorzieren, den Teufel aus dem Kreml rauswerfen. Unterwegs hat man ihn festgenommen und der Fall wird heute noch behandelt. In den Familien ist man gespalten: er hat Recht sagen einige, er ist verrückt, sagen andere. In der Sowjetunion wurde der Schamanismus zwar studiert, aber er war kein lebendiges Phänomen. Das hat sich geändert. Und für die Schamanen ist der Weltenbaum eine Art mentale Landkarte. Wenn sie in Trance ihre überirdischen Reisen antreten, um einen Menschen zu heilen, orientieren sie sich an dieser Karte. Sie müssen ja die richtigen Geister am richtigen Ort antreffen und mit ihnen verhandeln.

Ich lernte auch den größten Maultrommler des Landes kennen, der ein Maultrommelmuseum leitet, aber auch Forscher und Musiker ist. Die Maultrommel passt sehr gut zu schamanistischen Kulturen. Sie ist nicht nur leicht zu tragen, sondern bringt auch unterirdische Töne hervor, tiefe Klänge aus der Seele, die an Gesänge in den Klöstern Tibets und der Mongolei erinnern. Der Maultrommler wies mich stolz darauf hin, dass auch Abraham Lincoln in seiner Jugend, als er noch Briefträger war, dieses Instrument spielte.

Das waren alles nur erste Anreize für eine tiefere Beschäftigung mit dieser Kultur, deren Wurzeln in die Vorgeschichte der nördlichen Völker reichen. Ich las daraufhin eine Reihe von sibirisch-jakutischen Märchen und Schamanengeschichten. Hier nur zwei Beobachtungen. In dem Märchen „Die drei Sonnen“ heisst es: „Ganz früher leuchteten drei Sonnen.“ Die Erde war noch ganz flüssig und „ungeheuer heiß“. „Die Felsen kochten, die Steine kochten.“ Ein weiteres Märchen berichtet über das Abkühlen der Erde (Sibirische Märchen, 151f.) Vorausgesetzt, dass hier nicht die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft in Märchen umgegossen wurden, wäre dieses Wissen doch höchst erstaunlich! Als die Erde also abkühlte, erschuf der Gott Chadau Familien von Raben und Adlern. Die teilen sich das wachsende Territorium und es entstehen Menschen darin.

Die andere Bemerkung: In einem Märchen (ebd. 35f.), „Wie ein Mann eine Armbrustfalle aufstellte“, flüchtet ein getroffener Hase aus der Falle. Der Mann folgt seiner Spur, die in ein Erdloch führt. Der Mann geht durch das Erdloch und gelangt in eine Unterwelt. Darin sitzen Leute, die ‚dumme‘ Fragen stellen, wie „Warum knistert das Feuer?“ oder beim Essen von Fleischstücken: „Warum werden die Fleischstücke alle?“ Nachts wird einer der Leute krank, ein Schamane wird gerufen. Er muss den Verursacher der Krankheit, den Mann, zurück an die Oberwelt schicken. Es gibt weitere solcher Besuche in der Unterwelt, in der sich auch die Schmiede befindet, die für die jakutische Kultur besonders wichtig ist. Viele Geschichten haben mit Eisen oder eisernen Menschen zu tun. Jedenfalls erinnert mich dieses Szenario einer Unterweltreise stark an Lewis Carrolls Alice in Wonderland: der Hase, das Erdloch, die Unterwelt, die verrückten Fragen und die Ausweisung aus der Unterwelt (bei Alice in einem Gerichtsprozess, bzw. die Auflösung des Traumes). Ich vermute, das Lewis Carroll mit seiner Geschichte in archaische Bildwelten geraten ist, die auch deshalb eine bis heute tiefe, unbewusste Wirkung auf die Leser haben. Mit anderen Worten: in diesen Märchen/Mythen wie auch in Carrolls Kinderbuch sind anthropologische Kenntnisse kodiert. Sie sind Ausdruck der Frage: was ist der Mensch, woraus besteht er, wie tickt sein Unbewusstes?

Ein Beitrag von Prof. Elmar Schenkel

Literaturhinweise:

Schamanengeschichen aus Sibirien. Aus dem Russischen übersetzt und eingeleitet von Adolf Friedrich und Georg Buddruss. München: O.W. Barth, 1955.

Sibirische Märchen. Zweiter Band: Tungusen und Jakuten. Herausgegeben und übersetzt von Gerhard Doerfer. Düsseldorf/Köln: Eugen Diederichs, 1983.

© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

2 Antworten auf „Sibirische Mythen – Eine Reise nach Jakutien“

  1. Danke für den Beitrag! Vielleicht zwei Literaturhinweise, die zu hier besagten Themen weiterführen können.
    ad. Weltsäule/Weltbaum/Axis Mundi (weltweite Vergleiche): Gerald Unterberger: Die Kosmologie der Dogon. Die Mythik von der Himmelsstütze und dem Verkehrten Weltbaum in kulturhistorischem Vergleich. Wien 2001.

    ad. archaisch Mythisches in Märchen: Gerald Unterberger: Blauer Stier und Ochsenbaum. Archaische Mythenmotive in europäischen Zaubermärchen; in: ders.: Die Gottheit und der Stier, Wien 2018, S. 291-388.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.