Von Ende und Anfang: Mythische Gedanken zum Osterfest

Der Tod und die Auferstehung liegen nah beinander. Nachdem am Montag die Bilder der brennenden, nicht erst durch Victor Hugos Roman bekannten Kathedrale von Notre-Dame de Paris um die Welt gingen, deren steinernes Skelett – glaubt man den Berichten – beinahe nicht hätte gerettet werden können, wächst nun von Tag zu Tag die Hoffnung auf einen raschen Wiederaufbau. In fünf Jahren soll die Rekonstruktion abgeschlossen sein, geht es nach dem Willen der Offiziellen; Jahrzehnte wird es mindestens brauchen, dämpfen Experten die von Schock und Fassungslosigkeit überlagerte Euphorie. Wie lange die Erneuerung tatsächlich dauert, wird wieder einmal die Zeit zeigen. Es entbehrt allerdings nicht der Tragik, bedenkt man, dass das Unglück ausgerechnet vor Ostern, dem wichtigsten Fest der Christenheit, seinen Lauf genommen hat.

Wir befinden uns mitten in der Karwoche, die auch als „Stille Woche“ oder „Große Woche“ bezeichnet wird, und in der sich für die christlichen Gläubigen Leiden, Tod und Hoffnung wie sonst zu keiner anderen Zeit im Jahr verbinden. Mit der Karwoche findet die Fastenzeit ein Ende. Sie beginnt am Palmsonntag, wenn an den Einzug von Jesus Christus in Jerusalem erinnert wird. Es folgt das Gedächtnis an das letzte Abendmahl (Gründonnerstag), die Kreuzigung (Karfreitag), die Grabesruhe (Karsamstag) und die Auferstehung (Ostersonntag). In der Karwoche (kar > althochdeutsch „Kummer“, „Trauer“) gelten kirchliche Tanzverbote sowie das Verbot von Eheschließungen. Sie repräsentiert den wichtigsten Part im kirchlichen Osterfestkreis, der von Aschermittwoch bis Pfingsten reicht. Was diesen, etwa im Gegensatz zu den weihnachtlichen Sonn- und Feiertagen, besonders auszeichnet, ist, dass er von seiner inneren Struktur her zwar eine klar geregelte Festtagsreihenfolge besitzt, diese jedoch von Jahr zu Jahr an verschiedenen Tagen stattfinden.

Daten und Regeln

Die ersten Christen, häufig auch als Judenchristen bezeichnet, begingen Ostern zur Zeit des Pessachfestes (die Feier in Erinnerung an den biblischen Auszug aus Ägypten) am ersten Vollmond nach dem Frühjahrsäquinoktium (Frühjahrs Tag-und-Nacht-Gleiche, astronomisch zwischen dem 19. -21. März). Da man sich jedoch von den jüdischen Traditionen lösen wollte und den Juden die Schuld am Tod von Christus zuschob, suchte man nach einer „zeitnahen“ Alternative.

Auf dem Konzil von Nicäa 325 n. Chr., welches die grundlegenden Strukturen des Christentums – u. a. die Anerkennung der Evangelien, das Glaubensbekenntnis, die Liturgie, die Taufe, die Sakramente etc. – zementierte, erfuhr auch das kirchliche Osterfest jene Regelung, die in der katholischen und evangelischen Westkirche bis heute Gültigkeit besitzt: Ostern wird am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond des Frühlingsbeginns gefeiert. Der Bezug zur „Westkirche“ sei aus dem Grunde betont, weil diese die Festlegung bzw. die Berechnung der Osterfesttermine nach dem Gregorianischen Kalender (erstmals 1582 eingeführt, wenn auch regional uneinheitlich) durchführt, während die Ostkirche nach dem Julianischen Kalender datiert. Die daraus resultierenden Datumsabweichungen machen ein einheitliches, gesamtchristliches Ostern nahezu unmöglich. Dennoch sprach sich Papst Franziskus im Jahr 2015 für einen gemeinsamen Termin der Kirchen aus, ein Vorstoß, den zuvor bereits der Patriarch der koptischen Christen (u. a. in Ägypten) unternommen hat. Es gibt also einiges an Einigungsbedarf in der Christenheit.

Zahlen und Tafeln

Eine Einigung erreichte auch das Konzil von Nicäa nicht. Obwohl es die Weichen für das Osterfest stellte, konnte man sich nicht darauf einigen, auf welche Weise die Termine fortan kalendarisch gesetzt bzw. berechnet werden sollten. Es sollte noch bis ins 8. Jahrhundert dauern, bis eine allgemeingültige Verbindlichkeit erreicht war. Die Mönche Dionysius Exiguus (um 470 – um 540) und Beda Venerabilis (um 673 – 735) befassten sich umfassend mit der Komputistik, der Kalenderberechnung. In diesem Fall ging es vor allem darum, den jährlichen Sonnen- und Mondzyklus in Einklang mit der christlichen Liturgie zu bringen. Auch die Festlegung der Jahresanfänge sowie die Zählung des Jahres spielten dafür eine entscheidende Rolle. Keine ganz einfache Materie, weshalb wir in einem gesonderten Beitrag noch einmal näher darauf eingehen werden.

Dionysius Exiguus legte zur Verdeutlichung seiner rechnerischen Erkenntnisse (darunter die Festlegung eines 19-jährigen Mondzyklus) die sogenannten Ostertafeln fest. Diese wurden von Beda Venerabilis konkretisiert. Ein rechnerischer Osterzyklus umfasst demach 532 Jahre. Nach dessen Ablauf war derselbe Sonnen- und Mondlauf erreicht wie zu Beginn, weshalb man erneut mit dem Jahr 1 startet. Dennoch sind dabei „Osterparadoxien“ nicht gänzlich ausgeschlossen. Darunter versteht man das Phänomen, dass der Frühlingsvollmond oder der tatsächliche Frühlingsanfang nicht mit dem errechneten Termin zusammenfallen. Dies rührt daher, dass Sonnen- und Mondjahre zwar „zyklisch“ angelegt, vermerkt und datiert sind, diese in ihrer tatsächlichen Zeitdauer aber stets abweichen (so schwankt ein Mondmonat zwischen 29,272 und 29,833 Tagen). Nicht einmal die Gregorianische Kalenderreform kann diese Ungleichheiten vollständig berücksichtigen oder sie ausschließen. 2019 ist dafür das perfekte Beispiel: Der Frühlingsbeginn fiel rechnerisch auf den 20. März und der 1. Frühlingsvollmond auf den 21. März. Demnach hätte – laut Festlegung – Ostern (astronomisch betrachtet) am 24. März stattfinden müssen. Tatsächlich feiern wir Ostern aber am 21. April, also gut vier Wochen später, denn der astronomische Frühlingsvollmond im März, entspricht nicht dem zyklischen Frühlingsvollmond der Ostertafeln. Statt als Frühlingsvollmond wird er noch als Wintervollmond gezählt. Wie gesagt, eine komplexe und vor allem nicht immer logische Materie.

Wasser, Hasen und Kerzen

Ostern wäre aber nicht Ostern, wenn es nur um Zahlen oder die Bewegungen von Himmelobjekten ginge. Über zweitausend Jahre hat das Fest eine Reihe von Gebräuchen hervorgebracht. Das sorbische Osterreiten gehört ebenso dazu wie Eierrollen in England (dazu lässt man Eier einfach eine abschüssige Straße hinunterrollen, bis sie kaputt gehen) oder das schwedische Osterwasserholen. Bei letzterem gehen Frauen schweigend zu einer Quelle oder einem Fluss. Dabei dürfen sie nicht gesehen werden. Schaffen sie es danach, ihrem Liebsten mit dem Wasser zu beträufeln, dürfen sie sich – angeblich – seiner Liebe gewiss sein. Zudem werden Osterhexen mit dem Osterfeuer verjagt und Kinder verkleiden sich mit Kopftüchern und Röcken als „Osterweiber“ und erbetteln Süßigkeiten gegen gemalte Osterbilder. Dagegen wirkt der gute alte Osterhase fast schon ein wenig langweilig. Im 17. Jahrhundert ist zum ersten Mal offiziell von ihm die Rede. Seine „Wurzeln“ dürften indes weit ins Mittelalter zurückreichen, denn der Hase galt (schon in der Antike) als Symbol für Fruchtbarkeit und auch Reinheit. Sein kaum wahrnehmbares Paarungsritual wurde gar als hermaphroditisch interpretiert, was bedeutet, man nahm an, dass er sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsteile besitzt und sich aus sich selbst heraus fortpflanzen kann. Diese Deutung kam der christlichen Vorstellung von der Jungfrauengeburt sehr entgegen, weshalb man den Hasen sehr häufig auch in die Architektur von Kirchengebäuden integrierte; oft auch dreigestaltig als Dreifaltigkeitssymbol.

Dreihasenfenster, Kathedrale von Paderborn

Noch essentieller für das Osterfest und die Osterbräuche ist das Licht. Sowohl Osterfeuer als auch der Gebrauch von Osterkerzen gehen dabei auf pagane Ursprünge zurück. Steht das Licht der Osterkerzen in der christlichen Deutung für den Leib Christi und seine Auferstehung, waren mit dem Beginn des Frühlings antike Brandopfer für Frühlingsgötter und Frühlingsgöttinnen keine Seltenheit. Dass die Osterkerzen traditionell an den Osterfeuern entzündet werden, ist dann gewissermaßen ein sehr schöner und vor allem friedliebender Brückenschlag zwischen den religiösen Welten und verdeutlicht einmal mehr, dass in Ostern viel mehr ruht als der Tod, das Ende oder die Begründung des christlichen Glaubens, sondern auch die hoffnungsvolle Botschaft von Versöhnung und Neubeginn. So liest es sich denn auch im berühmten literarischen Osterzeugnis, das Johann Wolfgang Goethe seinem „Faust“ eingeschrieben hat.

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.


Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weisses,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.


Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dring ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus Strassen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.


Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss, in Breit‘ und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.


Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gross und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein. „

„Das Leben fließet wie ein Traum – Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.“

Jede Jahreszeit hat ihre Magie. Emotionen und Erinnerungen, die nur mit einer bestimmten Jahreszeit verbunden werden, begleiten uns ein Leben lang. Geht es uns nicht allen besser, sobald das meist graue Wetter des Winters weicht und die ersten warmen Sonnenstrahlen hervorkommen? Mit dem frischen Grün, dass sich lebenshungrig aus der Erde oder aus den Knospen an den Bäumen kämpft, hebt sich auch unsere Laune. Der Frühling ist eine unbestritten magische Zeit, sowohl für unsere Vorfahren als auch in unserer Gegenwart.

Werden und Vergehen. Sie stecken in den Jahreszeiten, dem Kreislauf der Natur, welcher seit jeher unser Leben bestimmte. Den verschiedenen Völkern und Religionen dieser Erde war er heilig. Besonders in den Regionen, in denen die verschiedene Jahreszeiten sehr unterschiedliche Gesichter tragen, grenzt das plötzliche Erwachen der Natur aus totem Laub zu lebendigem Grün doch an ein Wunder.

Der Frühling, er hat seinen Ton in Musik und seinen Charakter in der Literatur gefunden. Erhebend, fröhlich und wie das Tirilieren der Vögel erklingt er in Antonio Vivaldis “Die Vier Jahreszeiten”. Und, wie wir bereits gesehen haben, auch Johann Wolfgang Goethe lässt den Faust auf seinem „Osterspaziergang“ den Geist des Frühlings einfangen.

Wobei wir beim Thema wären: Das christliche Osterfest ist nicht umsonst im Frühling angesetzt. Faust beschreibt es sehr gut: “Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden” (Vs. 921-922). Die Menschen, welche aus dem düsteren Winter in das Aufleben der Natur zurückkehren können, empfinden deshalb auch umso mehr die Bedeutung der Auferstehung Christi.

Neues Leben feiern

Der Begriff „Ostern“ wird etymologisch mit vielen Worten verbunden, wobei nicht eindeutig geklärt ist, auf welche sprachliche Wurzel er genau zurückzuführen ist. Eine ist das altenglische Wort Ēostre oder Ēostra, welches erstmals im 8. Jahrhundert in dem Werk “De temporum ratione“ des angelsächsischen Benediktiners Bede (Beda Venerabilis) auftaucht. Es gehe auf eine angebliche Lichtgöttin zurück, welcher der Monat Ēosturmanoth, April, geweiht sei. Die Gebrüder Grimm halten in ihrem “Deutschen Wörterbuch” fest, dass deren Name später Ostara gewesen sein könnte, ihre Existenz jedoch ungeklärt sei. Auch eine Zurückführung auf das englische Wort east – Osten – könnte die Entstehung des Namens easter beeinflusst haben. Christi Auferstehung wird mit dem Morgen des dritten Tages gefeiert, markiert durch den Sonnenaufgang, der bekanntlich im Osten stattfindet. Andeutungen in dieser Richtung gibt der irischstämmige Benediktiner Honorius Augustodunensis (um 1080 – um 1150).

Das Feiern des Frühlings, der Neubeginn des natürlichen Kreislaufes, existierte in allen vorchristlichen Religionen auf die ein oder andere Weise. Semitische Frühlingsfeste ehrten die Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Astarte. Man opferte dem Adonis als Vegetationsgott und bat um das Gedeihen der Natur. Die Germanen verehrten Freyr, Herr über Sonne, Regen und die Natur, dem in seinem Kultzentrum Uppsala Opfer dargebracht wurden. In Babylon feierte man das Widerauferstehungsfest von Tammuz, dessen göttliche Ehefrau Ishtar ihn aus der Unterwelt befreite. Auch Osiris, der ägyptische Gott des Todes und der Wiedergeburt, erstand mithilfe seiner Frau Isis von den Toten auf und wurde so zum Furchtbarkeitsgott. Dies sind nur einige Beispiele der schier endlosen Zahl an Göttern, die mit dem Frühling in Verbindung stehen.

Symbole der Fruchtbarkeit wurden seit jeher viele verehrt, darunter das Ei, welches sich bis heute als buntes Osterei großer Beliebtheit erfreut. Es stellt einen Zustand zwischen den Welten dar, einen Schwebezustand mit zwei Möglichkeiten. Wird es ausgebrütet, so entsteht ein neues Leben. Geschieht dies nicht, so dienen Eier der Menschheit seit langer Zeit als Nahrung. Bräuche rund um das Ei blieben erhalten, auch wenn die Bedeutung der Symbolik etwas in Vergessenheit geriet.

Bunte Ostereier sind ein gängiger Osterbrauch.

Leben, Tod, Wiedergeburt

Tod und Leben sind stets die Kernaspekte der Fruchtbarkeitsgötter. Wie wir bereits gesehen haben, muss der eine oder andere Gott erst sterben und wieder auferstehen, um zu dem zu werden, der er sein soll. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Ein besonderer Fall ist jener der Kore, auch bekannt als Persephone. Sie ist die Tochter des Göttervaters Zeus und der Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit, des Getreides, der Saat und die Jahreszeiten. Ihre Geschichte beginnt mit dem Gott der Unterwelt, der sich in sie verliebt. Hades bittet seinen Bruder um die Erlaubnis, Kore zur Frau nehmen zu dürfen. Da Zeus davon überzeugt ist, dass das Mädchen niemals freiwillig die sonnige, blühende Welt der Lebenden verlassen wird, äußert er sich nicht eindeutig, was Hades als Erlaubnis auffasst.

Zusammen mit anderen Göttertöchtern spielt das Mädchen auf der Ebene von Nysa und pflückt Blumen. Eine ganz besondere Blume, die Narzisse, wird eben in diesem Moment geschaffen und zum Erblühen gebracht, als sie vorübergeht. Betört von der unbekannten, schön duftenden Blume, beugt siesich hinunter und in diesem Augenblick öffnet sich die Erde. Hervor kommt Hades mit seinen Pferden und Wagen und entführt das Mädchen.

„Der Raub der Persephone“ (1877) von Walter Crane

Die Mutter sucht vergeblich nach ihrer Tochter und erfährt über viele Umwege, wer für das Verschwinden verantwortlich ist. Sie ist entsetzt, als man ihrer Verzweiflung mit ungehaltenen Blicken oder Gleichgültigkeit begegnet: Was rege sie sich so auf, Hades sei immerhin einer der mächtigsten Götter und ihr Verwandter. Dies ist zu viel für die trauernde Mutter und Demeter verlässt den Olymp, um verkleidet unter den Menschen zu wandeln.

Durch Demeters Kummer gedeihen keine Pflanzen mehr, Ernten fallen aus und die Menschheit ist vom Hungertod bedroht. Die Götter befürchten ein Ende der Opfergaben und Verehrung. Zeus fordert die Freilassung der Kore, die als Persephone Hades Frau und die Herrin der Unterwelt geworden ist. Widerstrebend fügt sich Hades, doch bringt er seine Frau dazu, sechs Granatapfelkerne zu essen. Dass sie von den Speisen der Toten gegessen hat, muss Kore nun ihrer Mutter bei deren Wiedersehen gestehen, denn es verwehrt ihr eine endgültige Rückkehr in das Reich der Lebenden.

Zum Wohle aller wird ein Kompromiss vorgeschlagen: Vier Monate des Jahres lebt Persephone in der Unterwelt mit ihrem Ehemann Hades, die restlichen acht Monate ist es ihr erlaubt, zusammen mit ihrer Mutter auf der Erde zu weilen. Die Mutter findet sich mit der Regelung ab. Das Schicksal der Persephone ist ein Sinnbild des Frühlingswunders, welches die Menschen der Antike für das Wunder der Natur erfanden. In den vier Monaten ihrer Abwesenheit ist Demeter traurig und nichts gedeiht. Aber sobald ihre Tochter zu ihr zurückkehrt, lebt sie in ihrer Freunde auf und die Natur erwacht zu neuem Leben. Persephone selbst wird gleichzeitig zu einer Göttin des Todes und der Fruchtbarkeit.

Altes re-interpretieren und Neues schaffen

Es sind Geschichten, an denen zwei oder mehr Götter beteiligt sind. In den mesopotamischen und ägyptischen Mythologien spielt die Zusammenwirkung des männlichen und weiblichen eine große Rolle, die den Ursprung der Fruchtbarkeit symbolisiert.

Die bestehende Symbolik und Mythologie der vorchristlichen Kulturen und Religionen hat das Christentum dazu inspiriert, seine eigene Auferstehungsgeschichte zu schreiben: Ein Gott, der alle Aspekte in sich vereint, so auch das Zusammenspiel der weiblichen und männlichen Gottheit. Er hat das Monopol auf Werden und Vergehen, ist „das A [Alpha] und das O [Omega], der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte“, wie der erhöhte Jesus in der Offenbarung des Johannes beschreibt (Off. 22, 13).

Der Frühling und seine wiederbelebende Kraft flossen ein in die Erlösungsgeschichte und wurden dabei zur Metapher. Jesus starb am Kreuz und erstand drei Tage später auf, damit die Menschheit die Erlösung von ihren Sünden und die Aussicht auf das ewige Leben haben konnten. Wie die Natur, die aus der Winterruhe erwacht, so magisch, unbegreiflich und doch natürlich sollte wohl seine Auferstehung sein. Spinnt man diesen Gedanken weiter, stellt sich die Frage: Entspräche der Frühling dann der Erlösung? Die Beantwortung dieser Frage überlassen wir jedem selbst.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein schönes Osterfest und einen fleißigen Osterhasen!

Ein Beitrag von Dr. Constance Timm und Pia Stöger

Literaturhinweise:

Die Bibel. Übersetzung nach Martin Luther. Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft: Altenburg, 1956.

Faith Wallis, Übersetzung. Bede – The Reckoning of Time. Liverpool: Liverpool University Press, 1999/2004. Web. GoogleBooks. 17. April 2019

Jacob und Willhelm Grimm. Das Deutsche Wörterbuch. Web. WoerterbuchNetz Uni Trier. 17. April 2019 http://dwb.uni-trier.de/de/

Johann Wolfgang von Goethe. „Faust I“. Reclam: Stuttgart, 2000.

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