Stephen Fry: Mythos – Was uns die Götter heute sagen

Mythen wollen uns nicht nur unterhalten, sondern auch erklären. Sie beruhen auf den kollektiven Erfahrungen der Menschen und sind ein Ausdruck unseres Bedürfnisses, zu verstehen, nach welchen Gesetzen und Regeln die Welt um uns herum strukturiert ist. Schöpfungsmythen und Göttersagen geben uns Menschen eine Erklärung für die Existenz allen Seins und sind ein Versuch, die Lücken im menschlichen Erfahrungshorizont mit Sinnhaftigkeit zu füllen. Es verwundert daher in keiner Weise, dass jede uns heutzutage bekannte Kultur ihre eigenen Schöpfungsmythen und Götterwelten hervorgebracht hat.

Stephen Fry © Claire Newman Williams

In Mythos – Was uns die Götter heute sagen nimmt der britische Autor und Schauspieler Stephen Fry den Leser mit in die Welt der griechischen Sagen und Mythen. Eine Kultur, die ihn mit ihrem Humor, ihrer Energie und Leidenschaft den Autor, wie er uns in der Einleitung mitteilt, von klein auf gefesselt hat. Für Fry sind die Göttermythen der alten Griechen unterhaltsam, zugänglich und erstaunlich menschlich – eine Feststellung, die ich voll und ganz mit dem Autor teile.

Mythos beginnt am Anfang aller Dinge. Als es noch dunkel in der Unendlichkeit des Kosmos ist und die gähnende Leere alles ausfüllt. Heutzutage sind wir Menschen des vermeintlich aufgeklärten Zeitalters gerne bereit, den Beginn aller Existenz mit dem Urknall gleichzusetzen. Für die antiken Griechen, so Fry, ist dies anders gewesen. Bei ihnen steht am Anfang des Universums das Chaos: ein großes kosmisches Gähnen oder eine gähnende Leere oder ein gähnender Abgrund (Mythos, S. 17). In kurzen, prägnanten Kapiteln führt Fry nun den Leser durch die eruptive Geburt und die gewaltsamen Konflikte der ersten und zweiten Göttergeneration, an welche sich unzählige Geschichten aus der griechischen Welt der einzelnen Götter und Halbgötter anschließen.

Mythos reiht sich ein in jene Tradition von Unterhaltungsliteratur, deren Zweck darin besteht, der interessierten Leserschaft die griechische Götterwelt nahezubringen. Die Geschichten von Prometheus und seiner Bestrafung am Felsen, die Legende von Zeus und Europa, König “Goldfinger” Midas oder vom gewieften Sisyphos, der den Tod betrog, wurden schon oft niedergeschrieben. Bis hierhin ist Mythos also weniger originell. Warum sollte man daher ausgerechnet Frys Buch wählen, um sich von den alten Griechen und ihren Geschichten aufs Neue verzaubern zu lassen? Ein Grund ist sicherlich die charmante Leichtigkeit, mit welcher der Autor es schafft, den Leser in eine Zeit vor unserer Zeit mitzunehmen. Beim Lesen mag man sich dabei gern Mr Fry gemütlich in einem Ohrensessel sitzend vorstellen, und man möchte seinen Worten lauschen. Er ist ein hervorragender Geschichtenerzähler. Ich könnte an dieser Stelle viele Beispiele nennen, will mich aber auf eine besondere Geschichte beschränken, die von Philemon und Baucis oder Der Lohn der Gastfreundschaft (Mythos, S. 407-414).

Die Handlung ist schnell erzählt: Zeus und Hermes sind wieder einmal in Griechenland inkognito unterwegs, um die Gastfreundlichkeit der Menschheit zu prüfen. Die beiden werden an allen Höfen und Häusern, an denen sie vorbeikommen, abgewiesen, nur im bescheidenen Heim von Philemon und Baucis sind sie willkommen. Natürlich merken die beiden Gastgeber schnell, dass ihre Gäste nicht ganz von dieser Welt sind. Und wie in jeder Geschichte mit einer Moral am Ende, erhalten die Unhöflichen ihre Strafe (Zeus lässt sie mitsamt ihrem ganzen Tal mit einem Sturm umkommen) und Philemon und Baucis eine Belohnung. Doch diese kurze Geschichte gefällt mir nicht nur aufgrund ihrer mahnenden Botschaft an die heilige Xenia (griech. Gastfreundschaft), sondern auch, weil sie aufzeigt, mit welcher Bildhaftigkeit Stephen Fry es schafft, die einzelnen Szenen lebendig werden zu lassen. Allein die Dialoge sind herrlich und zeigen die Bemühungen der beiden Götter, die Situation nicht sofort eskalieren zu lassen:

„Machen Sie sich keine Umstände“, sagte Arguros [Hermes].

„Geben Sie mir doch Ihren Hut und Stab …“

„Nein, nein. Die bleiben bei mir.“ Der junge Mann presste den Stab an sich. Er sah ausgesprochen merkwürdig aus. War das eine Weinrebe, die da rundherum eigekerbt war?, fragte sich Baucis. Er drückte ihn so fest, dass das ganze Ding zu leben schien.

„Tut mir leid“, sagte Philemon, als er mit einem Weinkrug erschien, „dass Sie unseren hiesigen Wein vielleicht ein wenig dünn finden werden, und vielleicht ein wenig … säuerlich. Die Leute in der Gegend machen sich darüber lustig, aber ich versichere Ihnen, wenn man sich erst einmal an den Geschmack gewöhnt hat, ist er recht trinkbar. Wir finden das jedenfalls.“ „Nicht schlecht“, sagte Arguros nach einem Schluck. „Wie haben Sie es geschafft, dass die Katze sich auf den Krug hockt?“ „Ignorieren Sie ihn“, sagte Astrapos [Zeus]. „Er findet das lustig.“ „Nun, ich muss zugeben, es ist ziemlich lustig“, sagte Baucis, als sie sich mit der Schale voll Obst und Nüssen näherte. „Allerdings fürchte ich mich davor, junger Herr, wie Ihnen unsere getrockneten Feigen schmecken werden.“ „Sie tragen eine Bluse, also kann ich sie nicht sehen. Aber die Früchte in dieser Schale sehen recht gut aus.“

Mein Herr!“ Baucis gab ihm spielerisch eine Backfeife und lief rot an. Was für ein eigenartiger junger Mann. (Mythos, S. 410).

Gelegentlich driftet Fry sprachlich dabei jedoch etwas zu stark in den Alltagsjargon ab. Wenig bleibt vom Bild des ehrfurchtgebietenden Blitzeschleuderes Zeus übrig, wenn wir lesen, mit welch kindlicher Freude er und sein Titanenfreund Prometheus losziehen, um die Menschheit zu erschaffen. Auf dem Olymp wird eben nicht im ehrwürdigen Hexametern gesprochen, sondern sich bisweilen teenagerhaft ein verbales High five gegeben:

„Yep, Prometheus. Ab und los.”

„Hä?“

„Heute machen wir was Dolles, irgendetwas, worüber die Welt sich noch in Äonen von Jahren das Maul zerreißen wird. Das wird dermaßen …“

„Wir gehen Bären jagen, oder?“

„Bären? Ich hab da eine ganz tolle Idee. Los, komm!“ (Mythos, S. 134)

Diese Modernisierung der Dialoge lässt die einzelnen Erzählungen bisweilen eher als Samstagnachmittags-Sitcom erscheinen denn als große Kulturgeschichte. Das mag manchem Leser befremdlich vorkommen, dürfte aber gerade beim jüngeren Lesepublikum willkommen sein. Denn auch das sei gesagt: Obschon die Dialoge zum Teil recht flapsig daherkommen, verliert Fry nicht den Respekt vor der Sache selbst. Im Gegenteil: Manche Schilderung der Geschehnisse wirkt lebhafter, wenn sich Götter und Menschen im heutigen Alltagsjargon unterhalten. Die griechischen Mythen sind für Fry Unterhaltung, und als solche will auch sein Buch verstanden werden. Keine hochtrabenden intellektuellen Purzelbäume, sondern das Leben (und Sterben) begegnet uns in diesen Erzählungen. Trotzdem ist Mythos über den Unterhaltungswert hinaus lehrreich. Das merkt der aufmerksame Leser an den vielen, in bester Pratchett-Manier gesetzten Fußnoten, in denen Fry das soeben Gelesene kommentiert. Hier werden u.a. Stammbäume kurz zusammengefasst, Querverbindungen zu anderen Figuren gezogen und insbesondere die griechischen Eigennamen erläutert.

Mythos ist daher weniger ein Buch, das der klassischen akademischen Recherche dient, stattdessen lädt es den Leser ein zu träumen und sich die einzelnen Protagonisten vor dem geistigen Auge vorzustellen, tief ins Geschehen einzutauchen und sich treiben zu lassen. Fry zeigt uns die Götter und Halbgötter in ihren privatesten Momenten und lässt sie daher lebendig werden. Menschlich, ja fast schon zu menschlich erscheinen (und sind es vielleicht auch) die Götter in seiner Darstellung, sie sind ambivalent, egoistisch und neidisch. Sie neigen zu Grausamkeit und Hass und sind doch gleichzeitig liebevoll, zärtlich und voller Gefühle. Die Griechen trauten eben ihren Göttern nicht, was diese nur interessanter werden lässt. Gerade deshalb wird man Mythos nicht so schnell wieder beiseitelegen wollen.

Ein Beitrag von Leonhard Lietz


Literaturhinweis:

Stephen Fry: Mythos. Was uns die Götter heute sagen. Übersetzt von Matthias Frings. Aufbau Verlag: Berlin 2018.


© Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e. V.

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